Der Name Reggio Pädagogik leitet sich von der norditalienischen Stadt Reggio Emilia her. Diese neue Form der Pädagogik wurde in den 60er Jahren von den dort tätigen Erziehern entwickelt. 1991 wurde sie durch einen Bericht der US-amerikanischen Zeitschrift „Newsweek“ schlagartig weltbekannt, der die Kindertagesstätten von Reggio Emilia als weltbeste Einrichtungen auszeichnete. Nach dem Schock der PISA-Studie findet die Reggio Pädagogik auch in Deutschland zunehmend Anhänger und wird in so manchem Kindergarten umgesetzt.
Die Grundsätze der Reggio Pädagogik im Kindergarten
Die Erziehung im Kindergarten nach den Grundsätzen der Reggio Pädagogik ist keine Erziehung zu bestimmten Fähigkeiten und Fertigkeiten durch zielorientierte Fördermaßnahmen. Vielmehr begleitet sie Kinder auf ihren Wegen des Forschens und Lernens. So erfahren die Kinder, wie und wo sie sich die benötigten Informationen beschaffen können. Sie entwickeln sich dabei zu selbstständig denkenden und handelnden Menschen, die durch Neugier und Entdeckungsfreude an Erfahrungen lernen, statt Wissen nur zu übernehmen.
- Jedes Kind ist der „Konstrukteur“ seiner eigenen Entwicklung. Es nimmt die Welt auf seine Weise wahr und erkundet durch sein eigenes Handeln, durch Versuch und Irrtum, wie die Welt funktioniert. Kinder entwickeln sich also nicht durch Erklärungen oder Beschäftigungsvorgaben der Erzieherinnen, sondern durch eigene Erfahrungen.
- In der Reggio Pädagogik wird den Kindern kein vorgegebenes Wissen vermittelt, sondern auf das eingegangen, was den Kindern derzeit gerade wichtig ist. Ausgehend von einer faszinierenden Entdeckung (etwa dass Eis schmilzt, wenn es warm wird), beginnen die Kinder, sich durch Fragen und Experimente selbst die Informationen zu beschaffen, die sie interessieren und die sie für ihr Verständnis benötigen. So können sie ohne einengende Vorgaben vorurteilsfrei ihre eigenen Vermutungen anstellen und ihre Hypothesen durch passende Experimente auf den Wahrheitsgehalt testen.
- Die Kinder arbeiten im Kingergarten gemeinschaftlich an bestimmten Projekten. Deren Themen gehen von alltäglichen Erfahrungen der Kinder aus, z. B. Schatten, Regen, Stadt. Der Austausch der Kinder untereinander und die Ergebnisse ihres Forschens werden dabei nicht nur gefördert, sondern auch in Wort und Bild dokumentiert.
- Die Erzieherinnen lernen von und mit den Kindern, indem sie deren Wege, mit der Welt umzugehen, aufmerksam verfolgen und unterstützen. Die Kinder erhalten auf ihre Fragen keine fertigen Lösungen oder gar Vorträge, wie etwas funktioniert, sondern nur „Hilfe zur Selbsthilfe“, indem sie benötigte Materialien für ihre Experimente erhalten oder indem die Erzieherin bei der Beschaffung von Informationen oder Materialien hilft. Vielleicht fragt die Erzieherin das Kind auch: „Was denkst du? Wie könnte das funktionieren? Kannst du dir eine Lösung vorstellen? Wen könnten wir da fragen?“ Die Erzieherinnen vermitteln den Kindern dabei, dass das Entdecken der richtigen Fragen wichtiger ist als das Finden richtiger Antworten.
- Kindererziehung wird in der Reggio Pädagokig als gemeinschaftliche Aufgabe von Eltern, Erzieherinnen, Fachberatern und Mitbürgern verstanden, zu der jeder nach seinen Möglichkeiten beisteuert. Die Eltern sind eng in das erzieherische Konzept eingebunden, etwa durch aktive Mithilfe und Mitgestaltungsmöglichkeiten in diversen Gremien. Besonders wichtig ist die interne Fortbildung der Erzieherinnen, denen z. B. spezielle Fachberater den neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung in verständlicher Weise näher bringen.
Da all diese Grundsätze jedoch wenig anschaulich sind, soll das folgende Fallbeispiel zeigen, wie die Reggio Pädagogik im Kindergarten funktioniert.
Fallbeispiel
Jonas bringt von einem Spaziergang mit den Eltern eine lange, bunte Feder mit in den Kindergarten – die Schwanzfeder eines Fasans. Er und einige andere Kinder möchten nun wissen, wie dieser Vogel aussieht und wo er lebt. Gemeinsam mit der Erzieherin sehen sich die Kinder einen Bildband mit verschiedenen Tieren des Waldes an. Sie stellen fest, dass es dort noch viele andere Tiere gibt – von der kleinen Ameise bis zum mächtigen Wildschwein.
Beim nächsten Waldspaziergang mit der Kindergartengruppe werden Tiere beobachtet. Die Kinder sammeln auch alles, was mit Tieren zu tun hat: ein altes Wespennest, einige Federn und ein herabgefallenes, leeres Vogelnest.
Julia ist von dem Vogelnest fasziniert. Sie möchte gerne wissen, wie der Vogel es schafft, die Ästchen so fest ineinander zu stecken, dass das Nest so gut hält. Die Erzieherin regt an: „Könnten wir nicht auch versuchen, so ein Nest zu bauen? Was brauchen wir dazu?“
Eifrig sammeln die Kinder nun verschiedene Stöckchen und Ästchen. Zurück im Kindergarten, beginnen Julia und die anderen mit den ersten Bauversuchen. Schnell merken die Kinder, dass dickere Stöckchen nicht geeignet sind, weil sie sich nicht biegen lassen. Also arbeiten sie nur mit den dünnen Ästchen weiter.
In Deutschland gibt es bisher erst etwa 100 Kindertagesstätten, die nach den Grundsätzen der Reggio Pädagogik arbeiten. Die Zahl solcher Einrichtungen wird aufgrund der starken Nachfrage der Eltern jedoch sicher kontinuierlich zunehmen.
Kontaktadressen für die Reggio Pädagogik in den einzelnen Bundesländern finden Sie unter www.dialog-reggio.de









