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Trennung der Eltern: So schützen Sie Ihr Kind

Wie Ihr Kind Trennungen verarbeitet

Trennungen tun immer weh. Besonders wenn Kinder und pubertierende Jugendliche von der Trennung betroffen sind, ist das oft ein langwieriger und schmerzhafter Prozess für alle Beteiligten. Lesen Sie hier, wie Kinder und Jugendliche auf die Trennung Ihrer Eltern reagieren und wie Eltern ihnen diese Erfahrung erleichtern können. 

Expertenrat von 
Dr. Jan-Uwe Rogge, Familienberater und Bestsellerautor

„Wir sind“, so erklären es mir Rita und Peter M., „in den letzten Jahren nur wegen unserer beiden Kinder zusammengeblieben, weil wir dachten, wir müssten ihnen eine Familie geben.“ Beide schauen sich irritiert an: „Aber das war ein glatter Irrtum! Von wegen, die sind älter und können alles besser verarbeiten! So ein Unsinn!“

Ihre beiden, Johanna (13 Jahre) und Julius (11 Jahre), wären komplett ausgeflippt, als sie gehört hätten, wir würden uns trennen. Johanna habe nur noch geheult, Julius sei in sein Zimmer gerannt und habe „ein Regal kurz und klein geschlagen und uns dann mit den übelsten Worten beschimpft, hat uns Vorwürfe gemacht, wir hätten ihnen eine Show vorgespielt. Es hat Monate gedauert, bis sich die Situation beruhigt hat. Eigentlich erst, als Peter dann ausgezogen war und sich der neue Alltag abgezeichnet hat!“

„Aber wir“, so fährt der Vater fort, „bewegen uns auf einem dünnen Eis. Da spürst du manchmal eine ungeheure Spannung. Es ist, als ob du auf einem Vulkan leben würdest, der jederzeit ausbricht. Und dann bist du der ‚letzte Arsch, ein ‚Drecksack‘, ein gemeiner Lügner!“ Er macht eine Pause: „Von wegen, ältere Kinder können mit der Trennung ihrer Eltern vernünftiger umgehen!

Alles Theorie!“ Rita M. hat Tränen in den Augen: Trennungen tun weh! Verdammt weh! Und nicht allein den Kindern!“ „Wir haben uns im Guten getrennt, berichtet Patricia H. „Wir haben darauf geachtet, dass wir unseren Streit, unsere Differenzen nicht vor unseren drei Jungen  austragen. Wir wollten eine gütliche, eine einvernehmliche Trennung, haben uns mit einem Mediatoren unterhalten, uns Rat geholt, haben versucht, alles richtig zu machen.“ Sie muss schmunzeln:
Aber richtige Trennungen gibt es nicht. Kinder wollen, dass ihre Eltern zusammenbleiben. Der Ole, unser Jüngster, der war ein richtiges Schlitzohr und schon sehr unabhängig. Als er dann hörte, sein Vater würde ausziehen, da ist er dann plötzlich nicht mehr aus dem Haus gegangen und wurde ganz anhänglich.“ Sie lächelt: „Auf einem Spaziergang holte er seinen Fotoapparat aus seiner Tasche und forderte uns auf, uns anzusehen und zu küssen. Er drückte auf den Auslöser!“ Sie redet leise weiter: „Dieses Bild trägt er nun ständig bei sich!“

„Der Auszug aus dem Haus“, so erinnert sich Volker G., Vater zweier pubertierender Mädchen, „das war schon heftig. Raus aus dem Haus, das du gebaut hast, mit deiner Frau eingerichtet, den Garten angelegt, das war heftig.“ Seine Stimme wird leise, klingt belegt: „Dann dieser Umzug in die Wohnung, ein Zimmer für mich, zwei für meine Töchter, wenn sie mich besuchen, das war am Anfang nicht zum Aushalten. Und diese Drohungen: ‚Wir besuchen dich nicht, du Fremdgeher‘.“ Er zieht den Kopf ein: „Klar, ich war verantwortlich für die Trennung. Meine Frau hat mich rausgeschmissen, regelrecht rausgeschmissen. Da kam dann schon die Wut hoch nach dem Motto, wollen doch mal sehen, wer hier gewinnt. Ich hätte es auf einen Machtkampf anlegen können, aber nach ein paar Wochen des Nachdenkens hab ich den Kopf über mich geschüttelt und zu mir gesagt: ‚Volker, du spinnst! Was können deine Mädchen dafür. Eine Trennung ist genug!‘

Aus diesen drei Gesprächsausschnitten mit Eltern, die sich getrennt haben, können Sie folgende Schlussfolgerungen ableiten:

  • Auch wenn Sie sich trennen – Eltern bleiben Sie ein Leben lang! Es trennen sich nicht Vater und Mutter, vielmehr die Partner, also Mann und Frau. Ihr partnerschaftlicher Weg geht zu Ende, nicht aber Ihre Elternschaft. Es ist wichtig, dass Sie das Ihren Kindern deutlich vermitteln, denn dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Ihr Kind die Trennungserfahrungen aushalten und auf Dauer gesehen auch verarbeiten kann.
  • Trennungen tun weh, alle leiden unter einer Trennung. Das gilt für Sie, die Eltern, wie auch für Ihr Kind. Das gilt auch für das familiäre Umfeld, wie für die Freunde von Vater und Mutter oder die Freunde der Kinder. „Wir haben uns im Guten getrennt“ – das ist nicht selten ein selbstverordnetes Therapeutikum, um ein „schlechtes Gewissen“, um unangenehme Gefühle zum Schweigen zu bringen. Natürlich ist ein faires Miteinander wichtig. Aber das gelingt alles nicht sofort.
    Manchmal braucht die Wunde, die eine Trennung geschlagen hat, Schorf, damit man sich auf den Weg der Fairness begeben kann. Und man darf sich nichts vormachen: Die Stachel der Verletzungen sitzen tief und sind nicht mit dem Allheilmittel „Vernunft“ herauszuziehen. Alles hat nicht nur seine Zeit, alles braucht auch Zeit.
  • Ein Grundsatz lautet: Wenn schon eine Trennung, dann lassen Sie daraus nicht weitere folgen! Trennen Sie sich, brauchen alle Beteiligten Sicherheiten. Das gilt insbesondere für Ihre Kinder! Wenn durch die Trennung mit Gewohnheiten, Vertrautheiten und Geborgenheit gebrochen wird, braucht Ihr heranwachsendes Kind so viel Normalität wie möglich: das eigene Zimmer, die gewohnte häusliche Umgebung, die vertrauten Freunde, den Schulweg, die Lehrer, die Verwandten und Bekannte.
  • Denken Sie nicht, dass Ihre älteren Kinder eine Trennung besser verkraften. Die Theorie, wonach ältere Kinder die Trennung der Eltern angemessener verarbeiten können, weil sie vernünftiger sind, ist völlig abstrakt. Trennungen haben mit heftigen Gefühlen zu tun, gehen mit Verlust- und Verlassensängsten einher. Trennungserfahrungen in der Pubertät sind schmerzhaft, reißen Wunden auf – ihre Bearbeitung läuft deshalb nur selten über die Ratio, nach dem Motto: „Du bist doch groß und wirst das schon verstehen!“

 

Doppelte Verunsicherung: Trennungen während der Pubertät

Trifft Ihre Trennung mit jenen Schmerzen zusammen, die die Veränderungen in der Pubertät sowieso mit sich bringen, so verdoppeln sich das Leid und die Verzweiflung für Ihr Kind möglicherweise. Pubertät ist die Zeit der Wandlung, der Auflösung und des Aufbruchs: Aus Ihrem Kind wird ein Erwachsener. Ihr Kind nimmt in dieser Zeit Abschied von Vertrautem und macht sich auf den Weg in eine ferne, unbekannte Zukunft. Sie, die Eltern, sind nun sehr wichtig: Sie sind der Hafen, den Ihr heranwachsendes Kind anlaufen kann, wenn die Stürme der Pubertät toben. Doch wenn sich gerade jetzt diese sicher geglaubten Pole trennen, dann tritt Verunsicherung ein, dann machen sich Trauer und Verängstigung breit.

Das gilt nicht für alle Kinder. Manche sind durchaus froh, wenn die Eltern auseinandergehen, manche atmen geradezu auf, weil endlich Klarheit herrscht, weil wieder Luft zum Atmen da ist. Aber das gilt nicht für die Mehrheit. Die meisten Kinder trauern, sind verzweifelt, fühlen sich aus der Bahn geworfen, weil es Vertrautes, Haltgebendes nicht mehr gibt.

Wie Ihr Kind auf die Trennung reagiert:

4 Trauerphasen

Wenn Sie sich trennen, durchlaufen Ihre Kinder in der Regel vier Trauerphasen, die Sie nacheinander, aber auch parallel verlaufend, wahrnehmen können.

Phase 1: Verdrängung

Da ist nicht selten zunächst die Phase der Verdrängung: Die Heranwachsenden wirken unbeteiligt, „cool“, ja vernünftig, zeigen kaum Gefühle, geben sich geradezu erwachsen, scheinen Verständnis für ihre sich trennenden Eltern zu haben. Genauer betrachtet, gleicht Ihr Kind aber einer Schildkröte. Es stärkt seinen Panzer, damit zu stark bedrängende Gefühle an seinem Äußeren abprallen, nicht in sein Inneres drängen.

Gerade Pubertierende brauchen Zeit, um sich auf Brüche und Verwerfungen in ihrer Umwelt einzulassen. Pubertierende wollen nicht über alles – und schon gar nicht sofort – reden. Von daher sind Ihre gut gemeinten Angebote, sich als Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen, oft eher kontraproduktiv. Ihr Kind verweigert sich vielleicht, sein Panzer wird dicker und dicker, es zieht sich zurück: in sein Zimmer, seine Träume und Phantasien, ganz nach dem Motto „Lasst mich zufrieden!“. Für Sie, die Eltern, ist diese Zeit schwierig. Wichtig ist es aber, dass Sie nicht allzu sehr in Ihr Kind „eindringen“ und versuchen, es zum Sprechen zu bringen. Einfühlsamer ist es, wenn Sie sich Ihrem Kind einfach anbieten, wenn es reden möchte. Aber das kann dauern: bei manchem Kind sechs Monate, bei manchem sechs Jahre. Diese Verweigerung hat nichts damit zu tun, dass Ihr heranwachsendes Kind kein Vertrauen mehr zu Ihnen hat. Es möchte die Krise vielmehr mit sich allein ausmachen.

Trotzdem bleibt die Frage von Vater und Mutter, wie sie ihre Kinder in dieser Findungsphase unterstützen können. Ihr pubertierendes Kind will vielleicht schon reden, aber eben nicht mit Ihnen, den Eltern. Ihr Kind sucht sich jetzt andere Gesprächspartner: Manchmal sind es Freunde, manchmal ein Verwandter, manchmal der Trainer im Verein. Wenn Sie Ihr heranwachsendes Kind unterstützen wollen, dann vielleicht am besten bei der Suche nach einem solchen geeigneten Gesprächspartner.

Phase 2 und 3: Idealisierung und Aggression

Die nächsten beiden Trauerphasen wechseln sich ab und vermischen sich miteinander: Es sind die Phasen der Idealisierung und der Aggression. Viele Kinder reagieren mit Zorn und Wut, Verbitterung und Enttäuschung, wenn ihre Eltern sich trennen. Und die geballte Ladung bekommt meist die Person ab, die sich um das Kind kümmert, die sich sorgt, die sich bemüht. Meist ist es die Mutter. Aber auch der Vater, der zurückbleibt und versucht, dem Kind Halt zu geben, kann zur Zielscheibe von heftigen Ausbrüchen des Heranwachsenden werden.

Zeitgleich dazu verläuft die Phase der Idealisierung – unter der Überschrift „Früher war alles besser!“ oder: „Papa/Mama ist viel besser als du!“. Der sich kümmernde, sich bemühende Elternteil, häufig jener, der in Haus und Wohnung zurückbleibt, hat dann die „A..karte“ gezogen. Nicht selten sind Sie dann Drohungen Ihrer Kinder ausgesetzt („Ich ziehe aus!“), oder das Objekt von vermeintlichen Vergleichen („Mama/Papa hat mich lieber, da bekomme ich alles und muss nichts tun!“), oder Sie sind die „Fußmatte“ für alle Enttäuschungen, die Ihr Nachwuchs erlebt hat.

Phase 4: Integration

Schließlich folgt die Phase der Integration. Ihr Kind bezieht das Lebensereignis „Trennung der Eltern“ in seine Biographie ein. Es hat eine neue Beziehung zu Ihnen, seinen Eltern, aufgebaut. Doch wie gesagt: Das braucht Zeit und jede Menge Geduld.

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Als Leser des Pubertäts-Überlebensbriefes können Sie hier noch Grundsätze lesen, die Ihrem Kind bei der Verarbeitung der Trennung helfen können!

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Kommentare zu "Trennung der Eltern: So schützen Sie Ihr Kind"

  • Su schreibt am 02.02.2014

    Wer kann mir noch ein paar Tipps geben?

    Mein Sohn ist 16, er hat nach der Trennung bei mir gewohnt, dann bei seinem Vater, jetzt ist er wieder bei mir auf eigenen Wunsch. Seit der Scheidung beeinflusst der Vater ihn aber immer wieder mit Einzelheiten aus dem Scheidungsverfahren bzw. Unterhalts-/Zugewinnausgleichsverfahren, und zwar stell er mich immer als diejenige da, die ihn "abzocken" will...dabei habe ich ihm Unterhalt gezahlt und nichts von ihm haben wollen... Unser Sohn wird dadurch immer wieder aufs neue mit der Situation belastet und kommt einfach nicht zur Ruhe...

    Was kann ich noch tun um es meinem Sohn einfacher zu machen das alles zu verarbeiten?? Immer wenn ich denke es geht langsam aufwärts kommt mein Ex-Mann mit irgendeiner neuen Geschichte...mit ihm reden ist unmöglich... wie schütze ich den in diesem Fall mein Kind?

    Vielleicht war jemand in einer ähnlichen Situation und hat es geschafft sein Kind da herauszuziehen...
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