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Zwei Teenager die eine Mauer hochklettern
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Pubertierende brauchen Grenzen!

Rituale als Hilfe für Pubertierende

Je älter die Kinder werden, umso weniger Rituale gestalten in der Regel den Familienalltag. Doch auch für Ihr pubertierendes Kind sind Rituale wichtig, denn sie bieten Verlässlichkeit, Vertrautheit und Orientierung. Heranwachsende brauchen Rituale – im übertragenen Sinne wie das „kleine Hänschen“ einen „Stock“ und einen „Hut“ –, die sie begleiten. 

Expertenrat von 
Dr. Jan-Uwe Rogge, Familienberater und Bestsellerautor

Grenzen zeigen Heranwachsenden, wo sie hin- und wo sie nicht mehr hingehören, sie dokumentieren das Koordinatensystem der Gegenwart und weisen zukünftige Perspektiven auf: Hier bin ich, und da will ich hin. So geht die Einsicht in die Notwendigkeit von Grenzen einher mit dem Wunsch, sie auszuweiten und zu überschreiten. Grenzen symbolisieren Ende und Beginn eines Weges. Sie bieten eine Zeit lang Sicherheit und Schutz. Doch ein einmal erreichtes Ziel fordert dazu auf, jenseits der Grenzen nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Grenzen dokumentieren Nähe und Distanz, Vertrauen auf Erreichtes und Zutrauen auf Neues. Grenzen bedeuten, sich von Gewohntem zu trennen und sich auf unbekannte Dimensionen einzulassen. So weit meine persönlichen Betrachtungen zum Begriff „Grenzen“. Über kaum ein Thema ist in der Erziehungsliteratur mehr geschrieben worden als über das Thema „Grenzen setzen“. Und trotzdem schwanken viele Eltern spätestens während der Pubertät Ihres Kindes, ob, wann und wie sie Grenzen setzen sollen. 

Grenzen werden von Teenagern unterschiedlich gedeutet

Pubertierende besetzen die Begriffe Grenzen und Regeln nur dann negativ, wenn sie mit Einengung, Bevormundung sowie Macht und Willkür einhergehen. Stehen diese Begriffe dagegen für Orientierung, Halt und Auseinandersetzung, werden sie von Heranwachsenden positiv bewertet. Jugendliche wollen wissen, woran sie sind, was sie können, wie sie sich sozial angemessen zu verhalten haben – und das erfahren sie, wenn sie sich an Grenzen reiben können.

Grenzen sind aus der Sicht von Heranwachsenden umso akzeptabler, je weniger sie unverrückbar sture Markierungen sind, sonder wenn sie in Abhängigkeit von Entwicklungsphasen verändert werden. Eng gesteckte Grenzen entmutigen, sie lassen keinen Raum für Eigenverantwortung. Zu weit gezogene Grenzen führen dagegen zu Orientierungslosigkeit.

Leider überwiegt die negative Besetzung von Grenzen in der Pubertät

Bei vielen Eltern werden die Begriffe Grenze und Regel mit Strafe, Ermahnung, Verbot und Versagung gleichgesetzt. Dahinter steckt häufig eine unzureichende Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. Da manche Eltern in ihrer Kindheit Grenzen als schwerwiegende Beschneidung der eigenen Persönlichkeit und bei Grenzverletzungen oft schmerzhafte Züchtigungen erlebt haben, verzichten viele nun darauf, klare Grenzen zu setzen. Sie empfinden partnerschaftliche Erziehung und das Setzen von Grenzen als Widerspruch – eine Haltung mit paradoxen Folgen:

Während Eltern auf Grenzen und Regeln verzichten, suchen Heranwachsende sehr intensiv nach festen Orientierungspunkten. Und je intensiver sich Pubertierende Halt wünschen, umso häufiger verstecken sich viele Erziehende hinter hehren Worten und langatmigen Erklärungen. Ein endloser Wortschwall endet dann, wenn man nicht auf Zustimmung trifft, in impulsiver Schreierei, beleidigtem Schweigen oder einem verbalen bzw. körperlichen Bestrafungsfeldzug. Die berühmt-berüchtigte lange Leine schlägt um in Rücksichtslosigkeit und Liebesentzug.

Reflektieren und akzeptieren Sie Ihre eigenen „jugendlichen“ Gefühle

Bedenken Sie: Wer mit Heranwachsenden zu tun hat – egal ob beruflich oder in der Familie –, der hat es ständig mit zwei Kindern zu tun: dem Kind vor mir und dem Kind in mir. Und wenn das Kind in mir unreflektiert weiterwirkt, ich die Schmerzen, die Trauer und die Ängste, die mir als Kind zugefügt wurden, an dem Kind vor mir wiedergutmachen will, gebe ich – bewusst oder unbewusst – meine Ängste und Unsicherheiten weiter.

Gefühle von Schmerz und Trauer, von Verzweiflung und Wut sind nicht über Stellvertreter, sondern nur in der eigenen Person zu bewältigen. Je mehr man die eigene Kindheit – und das sind ja niemals nur negative Gefühle, Niederlagen und Verzweiflungen, dazu gehören auch Freude, Glück und Sehnsucht – annehmen und in der ganzen Breite akzeptieren kann, umso eher kann ich sowohl das Kind vor mir als auch in mir und damit mich selbst als ganze Person annehmen.

Wer Grenzen setzt, macht sich bei Teenagern nicht unbedingt beliebt

Wer Grenzen setzt, riskiert Streit, Wut und Zorn. Und da in vielen Bereichen des pädagogischen Handelns die irrationale Annahme vorherrscht, von allen geliebt und anerkannt zu werden, zögern viele Eltern, Grenzen zu setzen. Hinzu kommt:

Wer Grenzen setzt, muss über Konsequenzen bei Grenzverletzungen und bei Regelverstößen nachdenken. Das ist anstrengend und erfordert Mut. Denn es setzt voraus, sich aus - einander zusetzen – und das im ganz wörtlichen Sinn. Wer nur Nähe erträgt, sich eben nicht auseinandersetzt, ist unfähig, sich abzunabeln und abzugrenzen. Ich habe den Eindruck, als ob Symbiose und grenzenlose Harmonie mit Liebe und Einfühlungsvermögen verwechselt werden. Doch während Liebe und Empathie sowohl Nähe als auch Distanz und damit die Grenzen zwischen Ich und Du akzeptieren, macht die symbiotische und grenzenlose Liebe krank, sie erdrückt und macht abhängig.

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