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Eltern reden mit ihrem Kind
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Wie Sie Kritik so formulieren, dass sie auch ankommt

Wie sag ich’s meinem Kinde?

Werden Sie gerne kritisiert? Wohl kaum. Kein Mensch mag es, mit Vorwürfen überhäuft zu werden oder sich „anmeckern“ zu lassen. Besonders Teenager reagieren allergisch auf alles, was in Richtung „Kritik“ geht, da sie sich in einer schwierigen Lebensphase befinden und deshalb sehr empfindsam sind. Sie schalten die Ohren auf Durchzug oder werden wütend, wenn sie sich kritisiert fühlen. Daher ist es im Umgang mit Ihrem Kind wichtig, Kritik so zu formulieren, dass es in der Lage ist, sie anzuhören, zu verstehen und auch anzunehmen. Im folgenden Beitrag finden Sie hilfreiche Tipps, wie Sie es am ehesten schaffen, freundlich und angemessen Kritik zu üben und so in einen konstruktiven Dialog mit Ihrem Jugendlichen zu treten. 

Expertenrat von 
Felicitas Römer, Paar- und Familientherapeutin

Kannst du nicht einmal pünktlich nach Hause kommen?“ – „Sei doch nicht immer so schlecht gelaunt!“ – „Nun reiß dich aber mal zusammen – das schaffen doch andere auch!“ Wie leicht gehen uns solche Sätze über die Lippen, ohne dass uns bewusst ist, was wir damit anrichten. Solche Aussagen provozieren und kränken Kinder. Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn uns das eigene Kind nicht mehr zuhört und sich dauernd angegriffen fühlt. Deshalb sollten Sie sich hin und wieder ehrlich überlegen, wie Sie eigentlich mit Ihrem Kind kommunizieren: „Bin ich wertschätzend und (überwiegend) freundlich? Oder auch mal (unangemessen) aggressiv und vorwurfsvoll?“

Wie Sie konstruktive Kritik üben statt nur „herumzumeckern“

Wenn Ihnen bestimmte Verhaltensweisen Ihres Kindes wiederholt oder ständig auf die Nerven gehen, fragen Sie sich bitte Folgendes:

 

  • Was nervt mich genau? Beschreiben Sie (innerlich oder am besten schriftlich) möglichst präzise,was Sie ärgert, aufregt oder nervt.
  • Warum nervt mich das? Welchen „Nerv“ trifft mein Kind damit bei mir?
  • Welche meiner Werte werden missachtet oder verletzt?
  • Hat jemand einen Nachteil von seinem Verhalten?
  • Was sollte meiner Ansicht nach anders sein? Und warum ist mir das so wichtig?

 

Erst wenn Sie sich über diese Aspekte wirklich klar sind, sollten Sie mit Ihrem Kind ein ernsthaftes, freundliches und deutliches Gespräch führen. Denn um ein konstruktives Gespräch führen zu können, reicht es nicht, einfach diffus genervt von etwas zu sein. Denn dann können Sie weder klar formulieren, was Sie wollen, noch können Sie den Teenager damit erreichen: Sie haben ja keine eigentliche „Message“ bzw. die eigentliche Botschaft wäre nur „Ich bin von dir genervt!“. Für Ihr Kind hört sich das nach allgemeinem „Gemecker“ an. Es wird sich unwohl fühlen und seinerseits genervt reagieren. „Ich weiß gar nicht, was meine Mutter/mein Vater eigentlich von mir will!“, diese Klage hört man in Beratungen von Jugendlichen recht häufig. Manchmal fühlen sie sich dann auch ganz allgemein abgelehnt: „Dauernd meckern sie an mir herum, alles mache ich falsch, sie sind ständig genervt von mir.“ Daher ist es sehr wichtig, sich möglichst klar und konkret zu äußern, vor allem wenn es um heikle Themen oder Kritik geht.

Kritik üben mit Fingerspitzengefühl – so geht’s

Kritik zu üben ist immer eine etwas heikle Angelegenheit. Niemand lässt sich gerne kritisieren, am wenigsten sensible und wenig selbstsichere Teenager. Daher ist es wichtig, das Gespräch so zu führen, dass der Jugendliche sich möglichst wenig angegriffen fühlt, sondern auch wirklich zuhört und sich das Gesagte zu Herzen nimmt. Ansonsten sind kritische Anmerkungen wenig hilfreich und können bestehende Konflikte sogar vertiefen und die Fronten verhärten. Und davon profitiert letztlich niemand.

Beherzigen Sie also am besten folgende Aspekte:

1. Führen Sie nie Grundsatzgespräche mit Ihrem Kind, wenn Sie gerade sehr aufgebracht oder verärgert sind.

Solche „Gespräche“ bestehen dann oft aus einseitigen Vorwürfen oder Anklagen. Das bringt Ihr Kind in die Defensive, es wird entweder wütend, traurig oder schaltet einfach die Ohren auf Durchzug. Besprechen Sie wichtige Themen und Konflikte in Ruhe.

Verabreden Sie sich mit Ihrem Kind zu einem günstigen Zeitpunkt: „Ich möchte in den nächsten Tagen gerne mal kurz mit dir in Ruhe etwas besprechen. Wann wäre es denn günstiger, morgen Abend oder übermorgen Nachmittag?“

Grenzen Sie den Zeitrahmen ein. Eine halbe Stunde sollte eigentlich reichen. Halten Sie sich dann auch an dieses zeitliche Limit. Sollte dieser Zeitrahmen nicht gereicht haben, müssen Sie sich neu verabreden.

Sorgen Sie für eine entspannte Atmosphäre, etwa indem Sie etwas Leckeres zu Trinken organisieren. Stellen Sie sicher, dass die Handys für diesen Zeitraum weggelegt oder leise gestellt sind.

2. Üben Sie Kritik immer nur am Verhalten, nicht an der Person.

Ganz wichtig ist, dass Sie sich nur über das Verhalten Ihres Kindes kritisch äußern und nicht über seine Persönlichkeit. Sätze wie: „Du bist einfach nur faul!“, „Warum bist du immer so aggressiv?“ oder „Klamotten sind dir ja viel wichtiger als gute Zensuren!“ sind tendenziell kränkend und daher wenig hilfreich.

Anders hört es sich an, wenn Sie sagen: „In der letzten Zeit hast du ja nicht so oft Hausaufgaben gemacht. Da erwarte ich schon ein bisschen mehr Engagement“, „Was macht dich denn gerade so wütend? Könntest du bitte etwas weniger laut sein?“ oder „Ich fände es schön, wenn du mehr für die Klassenarbeiten lernen würdest. Shoppen gehen kannst du nach der Klausur immer noch!“

3. Prüfen Sie vor dem Gespräch, was Sie sagen wollen: Worum geht es Ihnen, was wollen Sie Ihrem Kind mitteilen?

Wollen Sie Ihrem Kind einfach nur sagen, was Ihnen missfällt? Sicher nicht, denn in der Regel üben wir Kritik ja in der Hoffnung, dass der andere daraufhin sein Verhalten verändert.

Kritik an dem Verhalten Ihres Kindes zu üben nutzt also nicht viel, wenn Sie nicht auch formulieren können, was Sie sich konkret wünschen. Daher sollten Sie im Vorfeld schon möglichst genau benennen können, was anders laufen müsste. Statt „Ich finde es unmöglich, dass du deine Sachen im Flur herumliegen lässt/so wenig für die Schule tust…“, sollten Sie also besser sagen: „Ich möchte, dass du deinen Rucksack mit in dein Zimmer nimmst/deine Jacke an die Garderobe hängst, wenn du aus der Schule kommst/regelmäßig abends 10 Minuten Englischvokabeln lernst…“ etc. Mit konkreter Kritik kann Ihr Kind umgehen: Es weiß nun ganz genau, was Sie von ihm erwarten.

4. Verzichten Sie auf Verallgemeinerungen und bleiben Sie konkret

Vermeiden Sie Sätze wie: „Immer bist du …“ – „Immer vergisst du …“ – „Nie kümmerst du dich um …“ etc. Verallgemeinerungen sind undifferenziert und unkonkret. Ihr Teenager wird sofort drei Gegenbeispiele parat haben, mit denen er Sie widerlegen kann/will. Dann haben Sie eine unfruchtbare Diskussion in Gang gesetzt, die vom eigentlichen Thema ablenkt und ergebnislos bleibt.

Nehmen Sie ein Beispiel, das vor Kurzem geschehen ist, und äußern Sie Ihr Anliegen anhand dieses Beispiels klar: „Gestern hast du das Badezimmer nicht saubergemacht, obwohl wir das so besprochen hatten“ (statt „Immer vergisst du, deine Haushaltspflichten zu erledigen!“) oder „Die letzten beiden Mathe-Klausuren sind ja nicht so gut ausgefallen.“ (statt: „Du lernst nie für Arbeiten!“).

5. Machen Sie keine Vorwürfe und entschuldigen Sie sich, wenn Ihr Kind sich beleidigt fühlt.

Sicher haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich über Vorwürfe schnell aufregen und sie weit von sich weisen. Das liegt daran, dass sie sich von Vorwürfen angegriffen fühlen und sofort eine Verteidigungsposition einnehmen. Es ist also nicht hilfreich, Kritik in Vorwürfe zu packen. Sie wird nicht ankommen, die eigentliche Botschaft verpufft. Wenn Sie bei Ihrem Kind Gehör finden wollen mit Ihrer Kritik, sollten Sie möglichst auf Vorwürfe verzichten.

Kränkende Bemerkungen sind selbstverständlich ebenfalls kontraproduktiv. Hier gilt allerdings nicht, ob Sie diese Bemerkung als Beleidigung meinten, sondern ob Ihr Kind sie als Beleidung versteht. Sollte Ihr Kind also gekränkt reagieren, reicht es nicht zu sagen: „Das war keine Beleidung, das bildest du dir ein!“. Vielmehr sollten Sie dann um Entschuldigung bitten: „Es tut mir leid, wenn ich dich damit verletzt habe. Da habe ich nicht gut genug nachgedacht/mich im Ton vergriffen“ etc. Erst wenn solche Störungen beseitigt sind, kann wieder ein konstruktiver Dialog entstehen.

6. Reden Sie von sich, und moralisieren Sie nicht.

Benutzen Sie Ich-Sätze, um Ihr Anliegen zu formulieren. Das wirkt persönlich, direkt, klar und authentisch: „Ich möchte, dass du …“. Besonders wichtig ist das, wenn es um Gefühle geht: „Ich fühle mich schlecht, wenn du mich anschreist, ich mag das nicht!“

Verzichten Sie auf Allgemeinplätze wie „Das macht man einfach nicht/das gehört sich nicht“. Erstens ist das sehr unpersönlich und abstrakt (Wer ist „man“?), und zweitens könnte das nur wiederum zu Diskussionen führen, die vom Thema ablenken („Das ist mir doch egal, was ‚man‘ macht oder nicht, ich mache, wozu ich Lust habe!“).

Teenager reagieren auch auf moralische Standpauken oft genervt. Verzichten Sie also am besten auf Sprüche wie „Ich finde es ganzschlimm, wie du dich benimmst, ich würde mich schämen!“ Sie sind beschämend und nicht hilfreich.

7. Hängen Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch.

Wenn Sie es geschafft haben, Ihrem Kind zu vermitteln, worum es Ihnen geht und was Sie von ihm erwarten, haben Sie schon viel erreicht.

Sie sollten aber nicht unbedingt davon ausgehen, dass Ihr Kind sofort freudig alle Ihre Erwartungen erfüllen wird. Das muss auch nicht so sein. Es kann sein, dass Ihr Kind mit Ihren Forderungen nicht einverstanden ist und diese diskutieren will. Das ist in Ordnung. Wichtig ist zunächst nur, dass Sie sich verständlich gemacht haben und Ihr Kind Ihnen zugehört hat. Das ist nämlich die Basis aller Kommunikation. Wenn diese funktioniert, lässt sich vieles schneller regeln und klären. Bleiben Sie dann einfach in der folgenden Aussprache klar, deutlich und freundlich, und lassen Sie sich auf Kompromisse ein, mit denen Sie gut leben können.

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