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Aggressionen gegen den eigenen Körper
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Aggression gegen den eigenen Körper: Wenn Kinder sich selbst verletzen

Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen

Ob eine Mutprobe oder psychische Probleme - Selbstverletzungen sind verdeckte Aggressionen, die sich gegen den eigenen Körper richten. Leider tritt selbstverletzendes Verhalten häufig bei Kindern und Jugendlichen auf. Doch was steckt dahinter? 

Expertenrat von 
Dr. Jan-Uwe Rogge, Familienberater und Bestsellerautor

Fallbeispiel: Janine ritzt sich selbst

Janine ist 15 Jahre alt. Bis zu ihrem zwölften Geburtstag war sie ein mehr oder weniger angepasstes Mädchen, wie sich ihre Eltern erinnern. Sie erschien freundlich, hilfsbereit, ging auf andere andere zu. Ihre schulischen Leistungen waren überdurchschnittlich. „Doch mit dem 13. Lebensjahr, da ging es los“, erzählen die Eltern. Eines Tages – sie war 14 – entdeckten die Eltern ein Bauchnabel-Piercing. Janine hatte ihre Eltern nicht um Erlaubnis gefragt. Sie hatte es heimlich machen lassen. Da es unprofessionell gemacht war, entzündete sich der Bauchnabel. Janine wurde ziemlich krank. Nachdem sie gesund war, erklärte sie ebenso bestimmt wie trotzig, sie werde sich ein Neues machen lassen, nur nicht so schnell. Die Mutter atmet tief aus. „Aber völlig durcheinander waren wir, als wir merkten, dass Janine sich den rechten Unterarm mit einem Messer geritzt hatte.“ Janine trug die Wunden, die sie sich, wie sie später berichtete, im Kreis von zwei Freundinnen selbst zugefügt hatte, ganz offen zur Schau. Das sei eine Mutprobe gewesen, kommentiert sie. Einige Freundinnen hätten Angst davor gehabt, andere hätten es cool gefunden. Doch wie ist nun Janines aggressives Verhalten zu verstehen?

Wie kommt es zu selbstverletzendem Verhalten?

  • Selbstverletzungen können – Janine beweist es – jugendkulturell geprägt sein. Janines selbstverletzendes Verhalten ist ein symbolischer Akt. Sie geht offen mit ihrem Piercen und ihrem Ritzen um. Janine zeigt es allen, sie provoziert, sie grenzt sich ab, sie macht auf sich aufmerksam. Piercen und Ritzen stellen wie das Tattooing oder andere Schnittverletzungen eine Art Aufnahmeritus dar, wie er in vielen Kulturen üblich ist: Wenn man diese Zeichen hat, gehört man dazu, man stellt Gemeinsamkeiten her.
  • Zudem macht man durch den selbstverletzenden Akt eine ganz eigene körperliche Erfahrung. Die Jugendlichen gehen dabei an die Grenze dessen, was gerade noch auszuhalten ist. Piercen und Ritzen sind mit Angst, mit dem Aushalten von Schmerzen verbunden – doch wer das einmal ausgehalten hat, der ist aufgenommen. Je vehementer die Eltern die Selbstverletzungen bekämpfen, je entschiedener sie sie ablehnen, umso intensiver wird die Abgrenzung von der elterlichen Kultur erlebt und empfunden.

  • In körperlichen Selbstschädigungen kann sich aber auch ein psychisches Problem, eine extreme seelische Zwangslage, ausdrücken. Selbstverletzenden Handeln kann so zum Beispiel Ausdruck einer übermächtigen inneren emotionalen Spannung sein, ebenso wie der ohnmächtige Versuch, sich zu fühlen und zu spüren. Selbstverletzungen können Machtausübung über den eigenen Körper ebenso darstellen, wie das Bestreben, Kontrolle über sich zu erlangen.
  • Selbstverletzungen gehen meist mit extremen Minderwertigkeitsgefühlen, mit Selbsthass und mit Perspektivlosigkeit einher. Wut und Zorn auf andere werden auf sich und gegen sich selbst gerichtet. Wird bei diesem Akt der Selbstverletzung nicht therapeutisch interveniert, sondern wird er nur unterbunden, kommt es oft zu Symptomverschiebungen, zum Beispiel zu depressiven Stimmungen, Essens- und Trinkverweigerung oder Suiziddrohungen. 

Mein Rat: Achten Sie nicht allein auf die nach außen gerichteten, sondern auch auf die nach innen gerichteten Aggressionen Ihres Kindes und wenden Sie sich an eine Erziehungsberatungsstelle, wenn Sie allein nicht weiterkommen.

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Kommentare zu "Aggression gegen den eigenen Körper: Wenn Kinder sich selbst verletzen"

  • Claudia schreibt am 10.01.2016

    Hallo, ich war über 5Jahre psychisch krank. schwankte zw. Manie und schwerer Depression. Dazu kam die Trennung vom Kindesvater.Kind war zw 5 und 10Jahren in der Zeit.
    Heute fühl ich mich schuldig.Obwohl ich meinem Kind alle Liebe der Welt gab wenn ich halbwegs am Leben teilnehmen konnte. Er hat einen lieben Vater, wenn auch etwas unvorbildlich als Vaterfigur.
    Heute erschreckt mich das extrem sensible Wesen meines 18Jährigen Sohnes.Habe Angst, er könnte zu leicht verlätzlich sein im Alltag.Auf Partys trinkt er oft ins unermessliche, wird aggressiv zu seiner Freundin oder wird gewalttätig bei eigentlich simplen???Stenckerein.
    Das schlimmste für mich ist aber, dass er aus Wut im Vollsuff beim schlag mit dem Fuß gegen eine Wand, sein Zeh sich selbst gebrochen hat.Ich denk, er leidet unter einer unnormalen Verlustangst aber trau mich nicht ihn immer zu gängeln, das er vielleicht das selbst in Selbsterkenntnis behandeln lässt.
    Er leidet auch unter Schuppenflechte und hat Gürtelrose gehabt.
    Habe große Angst vor der Krankheit, die ich hatte, ob er diese Gene von mir hat. Kann mir jemand helfen?
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