
Unordnung oder Höhle?
08.03.09
Am Samstag waren mal wieder die Kinderbetten zu überziehen, da drehe ich auch jedes Mal die Matratzen um. Dieses Mal stutzte ich, als ich sah, was sich alles unter Hannas Bett tummelte – direkt auf dem Fußboden und nicht etwa in den Unterbett-Schubkästen. Hanna hat nämlich ein extra hohes Bett (60 cm) und darunter einige Schubladen sowie zwei Kästchen, die sich auf Rollen wie ein kleiner Nachttisch herausziehen lassen.
Da lagen nun also ein paar Kuscheltiere, eine Taschenlampe, ihre „Schmuckschatulle“, einige Bücher und ein paar Spielsachen unter dem Bett. Ich war schon drauf und dran, Hanna ins Kinderzimmer zu zitieren und von ihr zu verlangen, dass sie das aufräumen soll. Doch dann fiel mir ein, dass sie letztens extra unter ihrem Bett geputzt hatte, um sich eine Höhle einzurichten. Dafür schiebt sie eines der kleinen Kästchen ganz heraus und kann so bequem unters Bett kriechen.
Wenn Martin schön drum bittet, lädt sie ihn zu sich in ihre Höhle ein. Martin ist nämlich „bettentechnisch“ eindeutig benachteiligt. Auch er hat zwar Schubladen unter dem Bett als zusätzlichen Stauraum, doch ist sein Bett nur 40 cm hoch, sodass es darunter ungemütlich eng ist.
Als ich die „Unordnung“ unter Hannas Bett nun als Höhle eingeordnet hatte, brachte ich es nicht übers Herz, ihre Höhle auseinanderzunehmen. Ich drehte also stillschweigend die Matratze um und beließ es dabei. Ich muss mir nur merken, was alles unter dem Bett gelegen hat, denn es kann durchaus sein, dass es bald wieder heißt: „Mami, ich finde mein Schmuckkästchen nicht mehr. Hast du eine Ahnung, wo das sein könnte?“
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Liebe Frau Schmelz,
allein beim Lesen Ihrer Zeilen, empfinde ich es als sehr wohltuend, daß Sie die Höhle, den Schutzraum, den Rückzugsort Ihrer Tochter geachtet haben. Das erscheint mir wichtig. Wichtiger als die Frage, ob es ordentlich oder unordentlich ist.
Die meisten Kinder haben heute zu wenig eigenen Raum, ich meine damit Raum, der nicht ständig kontrolliert und einsehbar ist. In dem Kinder ihre Schätze aufbewahren, ihren Phantasien nachhängen, sich von der Außenwelt zurückziehen können, vielleicht auch nicht immer verfügbar und kontrollierbar sind.
Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen mit 5 Geschwistern und Großeltern im Haus. Ich hatte zwar nie ein eigenes Zimmer, dafür ungeahnte Möglichkeiten auf Dachböden, Scheunen, Kellern, Schuppen und in Gärten. Immer wieder baute ich mir "Lägerchen", alleine, mit einem meiner Geschwister oder Freundinnen. Hier wurden Schätze aufbewahrt, Süßigkeiten mit einem sonst nicht gekannten Genuß verzehrt, das Alleinesein genoßen. Das waren für mich sehr wichtige Orte, Schutzräume für die kleine Seele.
Je weniger Möglichkeiten für die freie, selbständige Bewegung eines Kindes um das Haus herum vorhanden sind, desto mehr eigenen Schutzraum sollte ein Kind in der Wohnung geniessen dürfen.
Marie-Luise Kocher