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Von Wurmbabys und Tom Sawyer

17.05.09

Gestern rutschte ich auf den Knien über den Weg aus Waschbetonplatten in unserem Garten und pulte fast schon meditativ Gras, Löwenzahn und Moos aus den Fugen. Bei solchen Gelegenheiten kann man dann in Ruhe über dieses und jenes nachdenken und den einen oder anderen Aha-Effekt erleben…

Als Kind fand ich Gartenarbeit ja nur öde, vor allem das lästige Unkrautrupfen, zu dem mich meine Mutter, die das auch nicht gerne machte, mit schöner Regelmäßigkeit verdonnerte. Und trotzdem arbeite ich heute ausgesprochen gerne im Garten. Weil ich meine Kinder aber mit Gartenarbeit nicht vergrätzen will, müssen sie dabei nicht mithelfen. Und wie ich da so in den Fugen herumstocherte, überlegte ich mir, ob ich das wohl richtig mache. Werden meine Kinder vielleicht zu bequem, weil ich keine Mitarbeit im Garten verlange? Meine Frage wurde fast im selben Augenblick beantwortet, denn Hanna und Martin kamen heraus. Während Hanna sich erst mal auf die Schaukel setze, fand Martin meine Tätigkeit hochinteressant und wollte sofort helfen.

Nun habe ich aber nur einen Fugenkratzer (so oft braucht man den ja nicht) und versuchte deshalb, Martin vom Helfen abzubringen und zum Schaukeln zu überreden, um flott weitermachen zu können. Und da griff der „Tom-Sawyer-Effekt“! Sie wissen schon, diese Geschichte von Mark Twain, in der es um Tom Sawyer geht, einen Waisenjungen, der bei seiner gestrengen Tante Polly aufwächst. Eines Tages muss er samstags bei schönstem Sommerwetter als Strafe Tante Pollys Zaun streichen. Immer wieder kommen Jungen vorbei und bemitleiden ihn, weil er arbeiten muss und nicht mit zum Angeln oder Schwimmen gehen kann.

Doch jedem von ihnen erklärt Tom, was für eine Ehre es sei, den Zaun streichen zu dürfen. So dauert es nicht lange, bis die Freunde es auch einmal versuchen wollen. Der listige Tom ziert sich aber so lange, bis die Jungen ihm für das Recht, einige Minuten lang selbst den Pinsel schwingen zu dürfen, allerlei Schätze wie Angelhaken, Taschenmesser, Murmeln anbieten und Tom selbst keinen Finger mehr zu rühren braucht.

Und so ähnlich war das auch bei mir: Martin war ganz heiß darauf, auch mal in den Fugen herumkratzen zu dürfen! Als ich mit der Erde und dem Moos aus den Fugen auch noch winzig kleine, dünne, etwa einen Zentimeter lange Würmer herausbefördert (ich will gar nicht wissen, was für ein Ungeziefer das wieder war!) war es um Martin vollends geschehen. Er bettelte geradezu darum, auch mal kratzen zu dürfen, und hielt mir dann währenddessen einen 10-minütigen Vortrag darüber, dass es sich bestimmt um Wurmbabys handelt und wie diese wohl dahin kommen, was sie fressen und so weiter und so fort.

Als Martin so eifrig kratzte, sprang nun auch Hanna von der Schaukel und wollte auch mal! So ein Pech, dass ich den größten Teil des Weges schon fertig hatte, denn um Ungerechtigkeiten zu vermeiden, musste ich zum Schluss jedem Kind eine Anzahl Fugen „zuteilen“, damit auch ja keiner zu kurz kommt.

Vielleicht sollte man Kindern versuchsweise auch das Aufräumen verbieten, so nach dem Motto: „Lass mal, das mache ich selber. Das ist nichts für Kinder! Wenn du groß bist, darfst du das auch.“ Oder: „Okay, du darfst die Bilderbücher aufräumen, aber erzählt das bloß nicht deiner Schwester, sonst will die das nächstens auch machen!“

 

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