
Werden unsere Kinder wirklich zu Tyrannen?
03.02.09
Ich habe das Buch gerade fertig gelesen und bin hin- und hergerissen. Manches, was Winterhoff darin beschreibt, sehe ich sehr wohl ebenfalls als Problem. Nur die Allgemeingültigkeit, mit der er diese Problemfälle ausstattet, will mir nicht so recht schmecken. Ja sicher, es gibt Eltern, die ihrem Kind aus falsch verstandener Partnerschaftlichkeit keine Richtung mehr vorgeben. Ich halte auch nichts von Fragen wie „Möchtest du jetzt ins Bett gehen?“, die wohl die meisten Kinder mit einem Nein beantworten werden und gar nicht auf die Idee kommen, dass das jetzt ein freundlich verpackte Aufforderung sein sollte.
Natürlich muss man seinem Kind eine Richtung vorgeben. Woran sollte es sich denn sonst orientieren? Ich „predige“ ja häufig, dass ein geregelter Tagesablauf und wiederkehrende Rituale wichtig sind! Aber das bedeutet doch nicht zwangsläufig (zumindest nicht für mich), dass ich ein Kind nicht trotzdem als eigenständige Persönlichkeit ansehen und mich darum bemühen kann, seine Bedürfnisse und Wünsche (neben meinen eigenen, versteht sich!) so weit als möglich zu berücksichtigen.
Die meisten Eltern, mit denen ich es zu tun habe und hatte (und das sind inzwischen einige Tausend, wenngleich in vielen Fällen nur am Telefon oder per E-Mail), haben sich ihre Erziehungsaufgabe nicht leicht gemacht und oft schwer darum gerungen, wie sie ihr Kind richtig erziehen. Natürlich gibt es darunter immer wieder Eltern, die es mit der Partnerschaftlichkeit beim Kind ein wenig übertreiben und ihm zu viele Freiheiten zugestehen. Spätestens dann, wenn dieses Erziehungsmodell seine Schwächen zeigt, weil das Kind nur noch macht, was es will, und bei Frustration gleich aggressiv reagiert, suchen meiner Erfahrung nach aber auch diese Eltern Rat und wollen an der Situation etwas ändern.
Viel größere Probleme sehe ich in Familien, in denen die Kinder weitgehend sich selbst überlassen werden, weil die Eltern aus verschiedenen Gründen keine Zeit oder keine Lust haben, sich intensiv darum zu kümmern. Aber das betrifft sicherlich nur einen kleinen Teil der Eltern!
Ich kann also die Schwarzseherei Winterhoffs in Bezug auf die Zukunft unserer Kinder nicht so ganz teilen. Auch seine Feststellung, dass heutzutage in der Schule immer weniger von den Kindern verlangt werde, will mir nicht in den Kopf. Es kommt mit Sicherheit entscheidend auf das Engagement und das Motivationstalent des Lehrers oder der Lehrerin an, was Kinder in der Schule lernen. Aber dass das heute so viel weniger wäre als früher, wäre mir noch nicht aufgefallen. Eher im Gegenteil! Ein Beispiel: Meine Kinder gehen jetzt in die dritte Klasse und haben in Mathe heuer schon gelernt, was eine Quersumme ist und was Primzahlen sind. Wenn ich mich so zurückerinnere an meine Schulzeit, dann denke ich, dass ich zumindest von Primzahlen erstmals im Gymnasium gehört habe. Und wahrscheinlich auch von der Quersumme…
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Ich war sehr begeistert von dem Buch, obwohl meine Kinder nicht zu diesen "Problemkindern" gehören, aber ich habe viele im Bekanntenkreis. Auch hat mich das Buch in meiner Erziehung noch mehr gestärkt.
Es gibt 2 Dinge die ich heute bei einigen Eltern vermisse:
1. Kinder dürfen keine Kinder mehr sein und das beginnt schon in der ersten Krabbelgruppe, die meist dafür gedacht sind, ein Wettrennen mit anderen Müttern zu veranstalten, welches Kind ist in der Entwicklung schneller usw. Weiter gehts im Kindergarten, wo Kinder eien volleren Stundenplan haben, als jeder Gymnasiast. Über die Schulzeit braucht man dann wohl nicht mehr zu reden.
2. Es wird gar nicht mehr aus dem Bauchgefühl heraus erzogen.Ich versuche meine Kinder kennenzulernen und nach Gefühl zu erziehen. Ich lege großen Wert auf verschiedene Werte und das es immer eine Grenze zwischen mir und meinem Kind gibt. Kinder gehören uns nicht, wir sind dafür da, sie auf diese Welt bestmöglichst vorzubereiten. Die reale Welt, nicht eine Welt wo man alles bekommt.
Auch den nachfolger des Buches kann ich empfehlen.
Gruß
Marion
Hallo an alle,
interessant ist das Buch allemal, wenn es so kontrovers diskutiert wird. Ich würde es auf jeden Fall lesen. Ich hatte häufiger beim Lesen das Gefühl, dass er in vielen Dingen recht hat. War mal im Lehramt und jetzt in der Weiterbildung Industrie. Die Veränderungen in der Kindheit von heute sind riesig. Ich habe den Autor in keiner Zeile so verstanden, dass er die Eltern kritisiert und altmodisch argumentiert. Mit dem Satz "Kinder nicht als Partner zu mißbrauchen" meint er nicht, Kinder keine Meinung zuzugestehen, sie nicht zu fragen. Jedoch besteht ein Unterschied: wir sind die Großen, sie sind die Kleinen (wie Hellinger sagt). Wir sollen sie nicht als "kleine Erwachsene" respektieren, sondern als kleine KINDER. Schaut man andere Länder an, haben die oft viel weniger Erziehungs- und Disziplinprobleme. In England, in Rumänien - Länder in denen ich gelebt habe: sagt man den Kindern was, wird das erledigt. In Deutschland wird erstmals lange diskutiert, warum jetzt, warum ich usw.. Und ich sehe im Erwachsenenalter im Ausland oft selbstbewusstere Menschen (ich weiß, das ist jetzt sehr pauschal- erlebe ich jedoch täglich in den Managementtrainings).
es beginnt ja schon sprachlich: andere Sprachen haben das altdeutsche "IHR" zusätzlich zu dem Du und dem Sie. Alle Kinder der Nachbarschaft nennen mich "Uli"- genau wie ihre alltäglichen Spielkameraden. Früher nannte man Tanten, Onkeln, Erwachsene - außer Mama und Paa- mit IHR. dadurch wird sprachlich ein Unterschied gesetzt, der einen Unterschied im ganz normalen Respekt setzt- nichts erzwungenes, erschlagenes sondern einfach gefühlter Respekt vor dem Großsein. Dafür muss ein Kind sich nicht klein machen. Es respektiert nur das "Alter". banal- aber wirksam.
Langes Thema- sehr spannend darüber nachzudenken.
Auch sehr spannend- der Einsatz von Lob. Oft gut gemeint, jedoch mit langfristig fatalen Folgen- intrinsische Motivation wird externalisiert und de fakto haben wir dann Kinder, die nur noch für Lob was tun.
Ja, das reicht erstmals. Freue mich, dass dieses Forum solche Diskussionen mitmacht. Sehr anregend.
Gruß
uli
ich habe auch schon im forum geschrieben das das buch bei uns im spielkreis unter uns müttern heiße diskussionen auslöst ich habe das buch noch nicht gelesen
es stimmt man wird jeden tag mehr und mehr verunsichert eine gute mutter zu sein man dafr sich bei der erziehubg nicht mehr auf sein gefühl sondern nur auf irgendwelche ratschläge verlassen ich bin mal auf den tag gespannt wann jemand die erste bedienungsanleitung für kinder heraus gibt das wär doch mal was neues für jedes elektrogerät gibt es das dazu nur wenn man ein kind bekommt nicht und ich denke gerade mütter mit ersten kind müssen ja erst in ihre aufgabe hereinwachsen mit jedem entwicklungsschritt mit zunehmendem alter der kids muß man sich immer wieder neu einstellen
aber ich lerne mein kind das es wenn es was macht auch konsequenzen gibt wenn was verschütet wird muß er es selbst wegmachen und nicht die mama und ich mecker auch nicht herum wenn er weil er mir hilft den tisch zu decken was herunterfällt ich lobe ihn trotzdem weil er mir hilft und die scherben macht er mitlerweile schon alleine weg er weiß wo der handfegen steht und wo alles hinkommt er hilft mir die wäsche aufhängen seine sachen in die wäschetonne machen natürlich auch nicht immer aber würde ich ihm die freude nehmen dann würde er mir nie helfen
klar er hat auch seinen trotz wenns nicht immer so geht wie mans sich wünscht aber wir gehn immer kompromissen ein wo es möglich ist und klar ansagen müssen gemacht werden wo zb das leben des kindes gefährdet ist im strassen verkehr ect
ich frag mich jeden tag ist das was du machst richtig ich reflektiere mich immer wieder neu und versuche mich in das kind hereinzu versetzen und natürlich denke ich muß man schon als erwachsener als gutes beispiel vorangehen wenn ich selber vom tisch aufstehe beim essen kann ioch esvon meinem kind nicht verlangen wenn ich mein kind anschreie es soll aufhören zu schreien ist ein bischen komisch oder
ich denke wenn ich mein kind erziehe immer an die zukunft wenn er groß ist und die wird nicht einfach sein
also das buch hat mich neugierig gemacht und es werde es mal lesen
und ich versuche jeden tag eine gute mutter für mein kind zu sein
Liebe Frau Dr. Schmelz, liebe Trixie76,
leider komme ich erst jetzt dazu, auf Ihre Buchbesprechung von Michael Winterhoff zu reagieren: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Ich arbeite in Schulen und Familien, und mache zunehmend dieselbe Erfahrung und Beobachtungen wie Herr Winterhoff und trixie76. Wünsche werden häufig mit Bedürfnissen verwechselt: Es ist leider unmodern geworden, auch einmal "nein" zu sagen. Je mehr den Kindern erfüllt wird, desto mehr wollen und fordern sie. "Ich krieg das Auto, die Bonbons usw." und das alles ohne "danke" zu sagen. Das erlebe ich ständig in Geschäften, in der U-Bahn usw. Die Kinder können sich alle "Frechheiten" erlauben, wie treten, schlagen und kratzen!, da sie ja doch alles bekommen. Aber einfachste Handlungen können und wollen sie nicht mehr verrichten! Da viele Eltern durch vielerlei Belastungen die Grund-Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit, und wie Sie schreiben, einen regelmäßigen Tagesablauf und wiederkehrende, allseits erleichternde Rituale, nicht mehr erfüllen können, meinen sie - in bestem Willen - diese Defizite mit Geschenken ausgleichen zu können oder zu müssen. Die Schränke sind voll von Stofftieren, Autos und anderen "Rennern", aber die Kinder sind nicht in der Lage und auch nicht bereit, Aufträge zu erfüllen oder selbstverständlich die Hausaufgaben ordentlich zu erledigen. "Probleme" und Schwierigkeiten können sie nicht selbstständig bewältigen, wie Trixie76 schreibt. - Maria Montessori sagt: "Hilf mir, es selbst zu tun." Mit diesem Satz ist es eigentlich leicht, den Erziehungsweg zu finden, der die Kinder auf einen guten Weg führt. Es ist im Alter des Säuglings einfach, dies einzuspuren. Später wird es immer schwieriger. Aber immer geht es nur: mit Blickkontakt, deutlich seine Meinung sagen, und einen positiven Ausblick geben, also liebevoll.
Dies in Kürze zu einem schwierigen Thema.
ein sehr interessanter beitrag!
Liebe Frau Dr. Schmelz,
zu dem Buch an sich kann ich nichts sagen, weil ich es (noch) nicht gelesen habe. Aber zu dem Thema Erziehung und Schule habe ich doch eine Meinung. Ich denke schon, dass die nächsten Generationen "problematisch" werden. Ich denke aber nicht, dass es an der (echten)Unfähigkeit der Eltern liegt. Ich denke, dass durch die vielen Erziehungsratgeber und Shows zum Thema den Eltern eher vorgegaukelt wird, unfähig zu sein. Selbst wer selbstbewußt ist, kommt zwangsweise irgendwann durch ein Buch oder eine Show ins Zweifeln, ob hinter der aktuellen Bockphase nicht vielleicht doch ein ganz furchtbarer Erziehungsfehler steckt. Schon aus Vermarktungsgründen wird den Eltern suggeriert, unfähig zu sein. Und wie sonst auch, je mehr Meinungen (oder die sprichwörtlichen Köche)...Irgendwann zweifelt man an seiner eigenen Kompetenz. Und Sie wissen, ich arbeite an einer (Berufs)Schule. Wir merken eine zunehmende Respektlosigkeit (leider nicht Unbekümmertheit) gegenüber Autoritäten (Patienten, Ärzten, Lehrern, leitendem mittlerem Personal etc.). Unsere Schüler sind immer weniger in der Lage, für sich selbst einzustehen. Alles möchte auf dem "Silbertablett" serviert werden (z.B. der Praktikumsplatz am Ort, Fahrtwege sind unzumutbar, Kliniksbekleidung - wir gehören zu keiner Klinik! etc). Hier denke ich eher, dass wir unsere Kinder überbehüten. Wir versuchen immer das Beste für sie (heran)zu schaffen. Dadurch lernen unsere Kinder aber nicht mehr, Probleme zu bewältigen. Das sollten sie aber können, wenn sie ins Berufsleben einsteigen. Und von der Berufschule ist es dahin nicht mehr weit...
Zum Thema Schule an sich, tja - auch hier merken wir sinkende Leistungsfähigkeit von Jahr zu Jahr. Es ist immer der gleiche Stoff. Meistens die selben Lehrer. Und wir sind (hoch)motiviert. Nur, was sollen wir machen, wenn wir (und das ist wirklich so) plötzlich immer mehr Schüler haben, die nicht mehr fähig sind, selbständig mitzuschreiben. Teilweise ernsthafte Probleme haben, Texte (laut) zu lesen. Und auch bei Abiturienten. Die sollten eigentlich einer Univorlesung folgen können.
Und man hat mich allen Ernstes schon bei Ankündigung einer Leistungskontrolle gefragt, wann ich denn jetzt die Fragen verkünde! Das Entsetzen war groß als ich es wagte, die Fragen bis zur LK zurückzuhalten.
Fast alle dieser Schüler sind ganz tolle Menschen. Und ihre Eltern wollten nur das Beste. Auch ich für meine Kinder. Nur, wie schafft man den Spagat zwischen optimalen Bedingungen aufzuwachsen und dem Heranziehen eines mündigen Erwachsenen? Ja, auch ich zweifle an mir.