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Eine Patchwork-Family bei gemeinsamer aktivität
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Patchwork-Family: So gelingt das Miteinander ohne Probleme

Tipps zum Thema Patchwork-Familie

Eigentlich könnte es so schön sein, wenn Mama oder Papa nach der Trennung wieder einen neuen Partner gefunden haben. Vielleicht bekommt Ihr Kind auch neue Geschwister. Und doch gibt es anfangs in fast jeder Patchwork-Family erst mal Probleme. Wir zeigen Ihnen, wie das Zusammenleben einer Patchwork-Family stressfreier funktioniert. 

Expertenrat von 

Jede dritte Ehe wird heute geschieden

Elternpaare trennen sich, werden Alleinerziehende, finden neue Partner, die vielleicht auch schon Kinder haben. So entstehen mehr und mehr Patchwork-Familien. Wenn Mama oder Papa nach einer Zeit des Alleinerziehens eine neue Beziehung eingehen, wollen sie ihrem Kind bzw. ihren Kindern unter anderem endlich wieder eine vollständige Familie bieten. Doch genau davor haben Kinder Angst. Sie wollen keine neue Familie, sondern wünschen sich, dass ihre „richtige“ Mama und ihr „richtiger“ Papa wieder zusammenleben. Und wenn das nicht geht, dann wollen sie wenigstens ihre Mutter oder ihren Vater für sich alleine haben. Deswegen wird der oder die „Neue“ oft erst einmal abgelehnt. Er oder sie soll auf keinen Fall in die Rolle des abwesenden Elternteils schlüpfen.

„Du hast mir nichts zu befehlen – du bist nicht meine Mutter!“

Kommt ein neuer Partner in die Familie, müssen die Erziehungskompetenzen zwischen den Erwachsenen gut aufgeteilt werden. Sprechen Sie mit Ihrem neuen Partner – schon bevor Sie zusammenziehen – darüber, wie Sie sich zukünftig die Erziehung Ihres Kindes, aber auch seiner/ihrer Kinder vorstellen. Tauschen Sie sich aus, was Ihnen jeweils wichtig ist, was Sie auf keinen Fall akzeptieren können, welche Gewohnheiten die Kinder haben und wie der leibliche Elternteil bisher damit umgegangen ist. Versuchen Sie sich auf gemeinsame Regeln zu einigen, z. B. was Pünktlichkeit, Ordnung, Mithilfe im Haushalt etc. angeht. Diese sollten dann für alle Kinder in der Familie gelten. Auf solche Regeln können Sie auch die Kinder des Partners hinweisen. Ansonsten sollten Sie gerade in der ersten Zeit mit weiteren Erziehungsmaßnahmen den „fremden“ Kindern gegenüber zurückhaltend sein. Im Zweifel sollte immer der jeweilige Elternteil das letzte Wort haben.

Speziell in einer Patchwork-Family haben Kinder je nach Alter unterschiedliche Bedürfnisse

Wie schwierig die Anfangszeit mit einem neuen Partner und eventuell neuen Geschwistern wird, hängt vom Alter Ihres Kindes ab. Für Babys und Kleinkinder ist es vor allem wichtig, dass sie bei ihrer bisherigen Hauptbezugsperson (das muss nicht immer die Mutter sein!) bleiben dürfen. Ist das gewährleistet, kann das Kind die Trennung vom anderen Elternteil leichter verkraften. Im Alter unter zwei Jahren wird es dem neuen Partner in der Regel relativ leicht gelingen, die Zuneigung des Kindes zu gewinnen.

Kindergarten- und Vorschulkinder tun sich beim neuen Partner schon deutlich schwerer. In diesem Alter beziehen Kinder alles auf sich und glauben daher, dass sie der Auslöser für Veränderungen in ihrer Lebensumwelt sind. So können sie vermuten, dass sie nicht „brav“ genug waren und damit die Trennung der Eltern ausgelöst haben. Daraus entwickeln sich nicht selten Schuldgefühle, die zu heftigen Reaktionen gegenüber dem neuen Partner führen können. Typische Gefühle in dieser Phase sind Wut, Zorn, Eifersucht und Trauer. Der neue Partner sollte versuchen, Ablehnung und Gefühlsausbrüche des Kindes nicht persönlich zu nehmen. Die negativen Gefühle des Kindes richten sich meist gegen die Rolle des neuen Partners, nicht jedoch gegen ihn als Person. Kindergartenkinder brauchen Zeit, um über die Trennung der Eltern hinwegzukommen. Danach fällt es ihnen leichter, sich auf die neue Familiensituation einzustellen.

Kinder ab sechs Jahren scheinen es am schwersten zu haben. Sie leiden meist unter schweren Loyalitätskonflikten. Sie haben Probleme das neue Elternteil zu akzeptieren und können/dürfen den „neuen“ Vater oder die „neue“ Mutter gar nicht gern haben, denn das würde bedeuten, den leiblichen Vater oder die leibliche Mutter zu verraten. Deswegen brauchen Kinder ab dem Schulalter erst einmal Abstand. Der neue Partner sollte anfangs seine Bemühungen, die Zuneigung des Kindes zu gewinnen, nicht übertreiben! Auch sollte er keinesfalls sofort versuchen, den Vater oder die Mutter zu ersetzen. Dabei folgt die Kränkung oft auf dem Fuß, weil das Kind auf Distanz geht.

Das Zusammenleben ohne Probleme braucht seine Zeit

Viele Patchwork-Familien machen anfangs den Fehler, dass sie zu schnell zu viel erwarten. Kaum ist der neue Partner eingezogen, soll die neue Familie schon gleich perfekt funktionieren. Dabei braucht alles seine Zeit, und der neue Partner sollte erst einmal behutsam in die Familie eingeführt werden – lange bevor er wirklich einzieht. Patentrezepte gibt es dafür allerdings nicht.Wichtig ist, dass Sie Ihrem Kind genügend Zeit geben. So kann der neue Partner anfangs mit Ihnen und dem Kind z. B. einige Ausflüge unternehmen.

Drei wichtige Grundsätze zwischen Ihrem Kind und dem neuem Partner sollten Sie unbedingt beachten:

  • Ihr neuer Partner sollte nicht erwarten, spontan von Ihrem Kind geliebt zu werden, auch wenn er sich allergrößte Mühe gibt, eine gute Beziehung herzustellen.
  • Ihr neuer Partner sollte anfangs viel Geduld im Umgang mit Ihrem Kind aufbringen. Schließlich muss es ihn erst kennen und ihm vertrauen lernen, bevor er sich um es kümmern und es insbesondere erziehen darf.
  • Auch wenn Ihr Kind Ihren neuen Partner nicht sofort ins Herz schließen muss, sollte es sich ihm gegenüber höflich und respektvoll verhalten – so wie es sich auch gegenüber anderen Erwachsenen beträgt.

Wie Eltern und Kinder in der Familie „ticken“

Sind Mutter oder Vater nach reiflicher Überlegung mit dem neuen Partner zusammengezogen, geben sich die erwachsenen Mitglieder dieser neu entstandenen Patchwork-Familie gerne der Illusion hin, eine ganz normale Familie zu sein. Der neue Partner fasst oftmals gute Vorsätze und will sich besonders liebevoll um die Kinder kümmern. Stiefväter wollen es oft besser machen als der leibliche Vater und nehmen sich z. B. vor: „Sein Vater hatte nie Zeit, mit ihm Fußball zu spielen. Da wird er sich jetzt freuen, wenn ich jeden Samstag mit ihm auf den Fußballplatz gehe.“ Stiefmütter, die schon im Märchen ein sehr schlechtes Image haben, haben es besonders schwer. Auch sie gehen meist mit besten Vorsätzen und voll Liebe auf die neuen Kinder zu. Doch der aufopfernde Einsatz der „neuen“ Mutter wird von den Kindern selten honoriert.

Zu sehr sind die Kinder mit ihrer Mutter verbunden und können sich aus Loyalität zu ihr mit der „Neuen“ nicht anfreunden. Manchmal ist es hilfreich für eine Stiefmutter, sich einfach als eine mögliche Freundin des Kindes zu sehen. In den Köpfen der Kinder ist der andere Elternteil weiterhin präsent, auch wenn er nicht anwesend ist. Die Trennung war gegen ihren Willen, und sie fühlen sich dem anderen Elternteil weiterhin stark verbunden. Ein neuer Partner weckt in ihnen die Angst, sie könnten nun auch noch den verbliebenen Elternteil verlieren. Schließlich müssen sie nun die Aufmerksamkeit von Mutter oder Vater mit dem oder der „Neuen“ teilen. Untersuchungen zeigten, dass es mindestens vier bis fünf Jahre dauert, bis eine Patchwork-Familie ohne Probleme richtig zusammengewachsen ist, sich alle Familienmitglieder vertraut sind, einander schätzen und als Teil der neuen Familie fühlen.

Mein Tipp: Wenn Sie in einer Patchwork-Familie leben

Der neue Partner sollte behutsam auf die Kinder zugehen. Erst wenn diese die Gewissheit haben, dass ihre langsam aufkeimende Zuneigung zum neuen Elternteil keinen Verrat am getrennt lebenden Elternteil darstellt, können sie sich wirklich ohne Probleme auf ihn einlassen. Dürfen Kinder um den „verlorenen“ Elternteil nicht trauern, können sie den neuen Elternteil schlecht annehmen. Der getrennt lebende Elternteil darf auf keinen Fall zum Tabuthema erklärt werden

Nehmen Sie die Ängste und Probleme Ihres Kindes ernst

Haben Vater oder Mutter einen neuen Partner gefunden, reagieren manche Kinder in dieser Situation mit psychischen Auffälligkeiten. Vielleicht ist Ihr Kind plötzlich besonders aggressiv oder weinerlich, womöglich zieht es sich aber auch zurück und verhält sich übermäßig angepasst und „brav“. Manches Kind kann sich von heute auf morgen nicht mehr von Mama trennen oder macht wieder ins Bett.

Sehen Sie diese Reaktionen als das, was sie sind: Ihr Kind hat Angst, Ihre Zuwendung zu verlieren und neben dem „Neuen“ nicht mehr wichtig zu sein. Versuchen Sie nicht genervt oder enttäuscht zu reagieren. Ihr Kind braucht in dieser Phase besonders viel Aufmerksamkeit und Bestätigung von Ihnen. Nehmen Sie es immer wieder in den Arm und kuscheln Sie mit ihm – auch oder vielmehr gerade dann, wenn Ihr neuer Partner dabei ist. Sagen Sie Ihrem Kind immer wieder, wie sehr Sie es lieben und wie wichtig es Ihnen weiterhin ist. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind zum getrennt lebenden Elternteil eine gute Beziehung aufrechterhalten kann. So wird es den Verlust am besten verkraften und den „neuen“ Papa oder die „neue“ Mama leichter annehmen.

Plötzlich große Schwester oder kleiner Bruder

Wenn ein neuer Partner bei Ihnen einzieht, bringt er nicht selten eigene Kinder mit. So bekommt Ihr Kind quasi „über Nacht“ neue Geschwister. Das bisherige Einzelkind ist nun vielleicht zur großen Schwester oder zum großen Bruder geworden. Plötzlich wird von ihm erwartet, dass es mehr Verantwortung übernimmt, klaglos teilt und Vorbild ist. Oder das älteste Kind hat nun noch ein oder zwei größere Geschwister, mit denen es sich arrangieren muss. In einer Familie sind unter Geschwistern bestimmte Rollen fest verteilt: wer was besser kann, wer wen beschützen muss, wer was schon oder noch nicht darf. 

Kommen neue Kinder hinzu, gerät erst einmal alles durcheinander und muss wieder neu ausgefochten werden. Deswegen gibt es anfangs meist viel Streit. Häufig steckt die Angst dahinter, bei der Neuverteilung von Zuwendung und Wichtigkeit zu kurz zu kommen. Versuchen Sie, bei den Auseinandersetzungen der Kinder möglichst nicht einseitig Partei zu ergreifen. Geben Sie Ihrem Kind das Gefühl, dass Sie es ernst nehmen und – vor allem – dass Sie es genauso lieben wie bisher. Sprechen Sie mit Ihrem Kind (ab dem Kindergartenalter) über seine Ängste und Befürchtungen. Vielleicht kann auch ein Rollenspiel mit Puppen oder Stofftieren Ihnen verraten, worunter Ihr Kind momentan besonders leidet und wie Sie ihm bei der Bewältigung dieser Situation helfen können. Ihr Kind muss die Erfahrung machen, dass alle Kinder in der Familie gleich wichtig sind und dass keines von einem Elternteil bevorzugt wird. Trotzdem ist es ganz natürlich, dass die Beziehung zu Ihrem eigenen Kind enger ist als zu dem oder den Kind(ern) Ihres Partners. Sie brauchen sich deswegen keine Vorwürfe zu machen – doch sollte es Ihnen bewusst sein.

Eine besondere Herausforderung für alle Kinder ist die Geburt eines gemeinsamen Kindes beider Partner. Ist es doch in „normalen“ Familien schon nicht leicht für ein Kind zu verstehen, dass ein neues Geschwisterchen kommt und es fortan die Aufmerksamkeit seiner Eltern mit dem Baby teilen muss. Besonders schwierig ist diese Situation in einer Patchwork- Familie. Sehr häufig haben Kinder dann das Gefühl, das Jüngste werde von Papa und Mama am meisten geliebt. Hier helfen nur viel Geduld und Zuwendung den größeren Kindern gegenüber. Sie brauchen immer wieder die Bestätigung, dass sie genauso wichtig sind und genauso geliebt werden wie zuvor.

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Kommentare zu "Patchwork-Family: So gelingt das Miteinander ohne Probleme"
  • Katja schreibt am 12.01.2013

    Hallo, im Sommer 2009 lernte die jüngste Schwester meiner Mutter den Bruder ihrer jüngeren Schwester kennen und verliebte sich in ihn und er in sie von ersten Augenblick an. Er hat die Kinder Dominik(7) und Aurelia(5) mit in diese Ehe gebracht, seine erste Frau starb ziemlich kurz nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter. Nach langem hin und her heirateten meine Tante und er dann schließlich im Mai 2010. Nun haben sie noch ihre beiden eigenen Kinder dazubekommen, Valentina(2) und Moritz(7 Monate). Es klappt alles ziemlich super und alle sind überglücklich sich zu haben! Durch das habe ich gelernt, dass man alle im Leben hinnehmen kann wenn man einen Menschen wirklich liebt und an sich arbeitetn bzw gemeinsam durch das Leben geht in guten und schlechten Zeiten! :)

    LG :)
  • Anonym schreibt am 26.05.2010

    Die Tipps sind alle interessant und wohl richtig. Mir fehlt hier aber die Lebenssituation, dass die Kinder zwischen den getrennten Eltern wechseln. Sowohl meine Kinder, als auch die meiner Lebensgefährtin sind zu 50% bei dem anderen Elternteil. Daraus ergeben sich Konflikte, für die ich noch nirgends einen Tipp bekommen habe, auch hier leider nicht. Der Einfluss des anderen Elternteils und dessen Interessen in bezug auf die Kinder entwickeln eine eigene Dynamik. Latent sind Ängste da, das Kind könne sich für ein Zuhause entscheiden. Die Kinder haben vier Eltern, die ihre Kommunikation untereinander gut gestalten müssen, aber eben unter Mitschwingung der Sorge die Kinder würden sich in der Pubertät einseitig entscheiden - was ja auch unterhaltsrechtliche Konsequenzen hätte. Das ist nur die Oberfläche des Problems \"Wechselmodell\", dass hier wie andersow nirgends angegangen wird. Vielleicht ist das ja mal eine Anregung dies zu tun.
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