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Alternative Diagnostik: Welche Verfahren sind wirklich zuverlässig?

Alternative Diagnostik: Welche Verfahren sind wirklich zuverlässig?

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Sei es beim Heilpraktiker oder beim Arzt: Alternative Diagnostik und alternative Heilmethoden boomen. Doch ist nicht alles Gold, was glänzt. Da Sie für derartige Methoden in der Regel selbst bezahlen müssen, wollen Sie natürlich wissen, was sich tatsächlich lohnt. Leider verspricht die Auswertung der Studienergebnisse wenig Zuverlässigkeit.

 Mit diesem Beitrag möchte ich Ihnen anhand der aktuellen Datenlage eine Empfehlung für bzw. gegen verschiedene alternative Diagnoseverfahren und alternative Heilmethoden geben. Weil bei Kindern sehr häufig die Frage nach Allergien bei Neurodermitis, Asthma und Heuschnupfen ansteht, werden Sie hier überwiegend Verfahren finden, die in der Allergiediagnostik eingesetzt werden.
Da das Thema sehr kontrovers diskutiert wird, berufe ich mich überwiegend auf die Ergebnisse und Erkenntnisse führender Allergologen sowie folgender Fachleute:

  1. Professor Edzard Ernst leitet den weltweit einzigen Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Universität von Exeter in England.
  2. Professor Malte Bühring leitete bis 2004 den Lehrstuhl für Naturheilkunde und Naturheilverfahren an der Charité in Berlin.
  3. Dr. Roman Huber ist leitender Arzt der „Ambulanz für Naturheilverfahren und Umweltmedizin“ am Universitätsklinikum Freiburg.

Alternative Diagnostik: IgG-Test zum Nachweis von Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Die Untersuchung von Antikörpern aus dem Blut des Patienten wird in der schulmedizinischen Allergiediagnostik gerade bei Babys und Kleinkindern als Routineverfahren eingesetzt. Dabei werden sofort reagierende Antikörper vom Typ Immunglobulin E (IgE) bestimmt (RAST-Test).
Unseriös
sind meiner Meinung nach hingegen umfangreiche Tests anhand Immunglobulin G (IgG) zum Nachweis von Nahrungsmittelunverträglichkeiten – insbesondere wenn keine individuelle ärztliche Beratung erfolgt. Unter Bezeichnungen wie Yorktest, Select 181 oder ImuPro werden aus einer Patienten- Blutprobe automatisiert IgG-Antikörper auf 100 bis 300 unterschiedliche Nahrungsmittel bestimmt. Danach erhalten der Patient bzw. dessen Eltern eine aus den Testergebnissen abgeleitete Ernährungsempfehlung, welche Nahrungsmittel in Zukunft zu meiden sind. Häufig ist die Liste der „unverträglichen“ Nahrungsmittel recht umfangreich, sodass gerade bei Kindern die Gefahr einer Mangel- und Fehlernährung besteht!

Warnung vor alternativen Heilmethoden bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten:

Bitte machen Sie mit Ihrem Kind nie längerfristig eine Allergiediät, wenn die  Nahrungsmittelallergie nicht zweifelsfrei gesichert ist, z. B. durch einen so genannten  Provokationstest! Lassen Sie sich eingehend beraten (z. B. durch eine Ernährungsberaterin Ihrer Krankenkasse), wie Sie Ihr Kind ernähren sollen, wenn wichtige und/oder häufig in versteckter Form vorkommende Nahrungsmittelgruppen wie Milch und Milchprodukte, Ei oder Weizen gemieden werden müssen.

Die Kosten für derartige IgG-Bestimmungen sind erheblich (zwischen 250 und 450 €), obwohl die Aussagekraft der Ergebnisse häufig gering ist – was jedoch nicht heißt, dass die Messergebnisse falsch wären! Es liegt vielmehr daran, dass sich auch bei Gesunden IgG-Antikörper gegen Nahrungsmittel nachweisen lassen. Sie sind Ausdruck der normalen Immunreaktion bei Kontakt zu Fremdeiweißen, wie sie Nahrungsmittel für den Körper nun einmal darstellen. IgG-Antikörper zeigen somit oft keine Unverträglichkeit oder Allergie an.

Meine Empfehlung:
Liegt bei Ihrem Kind eine schwere Neurodermitis vor oder bestehen ausgeprägte, anhaltende Magen-Darm-Beschwerden und haben alle üblichen Untersuchungsmethoden kein Ergebnis erbracht, ist in Einzelfällen die gezielte Bestimmung von IgG-Antikörpern sinnvoll. Dann genügt es jedoch in der Regel, die wichtigsten Grundnahrungsmittel zu testen (und nicht eine bunte Vielfalt von 100 und mehr Lebensmitteln).

Alternative Diagnostik: Angewandte Kinesiologie (Applied Kinesiology) zur Diagnose von Allergien und Unverträglichkeiten

Die kinesiologische Diagnostik wurde in den 60er Jahren von dem Amerikaner George Goodheart eingeführt. Sie beruht auf der Vorstellung, dass sich gesundheitliche Störungen,  Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Mangelzustände in einer Schwäche bestimmter zugeordneter Muskelgruppen zeigen. Die kinesiologische Diagnostik wird besonders häufig zur Diagnose von Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten eingesetzt. Es sind dazu lediglich einfache Muskeltests erforderlich, die den Patienten nicht belasten.
20 Arbeiten des „International College of Applied Kinesiology“ unterschiedlichster Methodik wurden von unabhängiger Stelle ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass keine der Studien den üblichen Standards entsprach, sodass sie bei kritischer Betrachtung nicht verwertbar waren.
Es gibt natürlich auch aussagekräftige Untersuchungen, die allen Standards entsprechen. Leider war darunter keine Studie, die belegen konnte, dass die kinesiologische Diagnostik zu verlässlichen und wiederholbaren (reproduzierbaren) Ergebnissen führt:

  • US-amerikanische Chiropraktiker führten einen kinesiologischen Muskeltest an 68 Studenten durch. Die Auswertungen ergaben, dass die Ergebnisse zufällig waren.
  • In einer Studie an 20 Patienten mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten ließen sich die kinesiologisch ermittelten Diagnosen nicht reproduzieren. Das heißt, bei einer erneuten Testung wurden andere Nahrungsmittel als unverträglich erkannt.
  • In einem doppelblinden Test durch deutsche Wissenschaftler untersuchten vier Kinesiologen sieben Allergiker je 20-mal. Die diagnostische Trefferquote entsprach auch hier dem Zufall.
  • In einer weiteren deutschen Studie wurden 315 Kinder und Jugendliche mit chronischen Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Neurodermitis, Asthma oder Hyperaktivität untersucht. Alle Erkrankungen können mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit in Zusammenhang stehen, zu deren Diagnostik die Kinder kinesiologischen Muskeltests unterzogen wurden. Die gefundenen  Ergebnisse unterschiedlicher Untersucher stimmten nur unzureichend überein. Darüber hinaus deckte sich die kinesiologische Diagnostik nicht ausreichend mit denen etablierter diagnostischer Verfahren wie der Bestimmung von Antikörpern oder einem Test auf Milchzuckerunverträglichkeit. Positiv hervorzuheben war bei dieser Studie, dass eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, die mit etablierten diagnostischen Methoden ermittelt wurde, in etwa 75 Prozent der Fälle auch mit der kinesiologischen Diagnostik erkannt wurde. Hingegen ließen sich nur etwa 45 Prozent der kinesiologischen Diagnosen mit den etablierten Verfahren bestätigen – es wurden also mit der Kinesiologie wesentlich mehr Unverträglichkeiten gefunden. 

Meine Empfehlung: Eine kinesiologische Diagnostik kann als erste Orientierung sinnvoll sein. Die bei Ihrem Kind gefundenen Ergebnisse sollten Sie jedoch durch schulmedizinische Untersuchungen bestätigen lassen, bevor gerade bei einem Kind mit einer umfangreichen Ausschlussdiät vermeintlich unverträglicher Nahrungsmittel begonnen wird!

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