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Pubertierende brauchen Rituale. Denn auch für Ihr pubertierendes Kind sind Rituale wichtig, denn sie bieten Verlässlichkeit, Vertrautheit und Orientierung.
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Grenzen setzen: Warum das gerade bei Teenagern besonders wichtig ist

Rituale als Hilfe für Pubertierende

Je älter die Kinder werden, umso weniger Rituale gestalten in der Regel den Familienalltag. Doch auch für Ihr pubertierendes Kind sind Rituale wichtig, denn sie bieten Verlässlichkeit, Vertrautheit und Orientierung.  

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Expertenrat von 
Dr. Jan-Uwe Rogge, Familienberater und Bestsellerautor

Grenzen zeigen Teenagern, wo sie hin- und wo sie nicht mehr hingehören

Sie dokumentieren das Koordinatensystem der Gegenwart und weisen zukünftige Perspektiven auf: Hier bin ich, und da will ich hin. So geht die Einsicht in die Notwendigkeit von Grenzen einher mit dem Wunsch, sie auszuweiten und zu überschreiten. Grenzen symbolisieren Ende und Beginn eines Weges. Sie bieten eine Zeit lang Sicherheit und Schutz. Doch ein einmal erreichtes Ziel fordert dazu auf, jenseits der Grenzen nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Grenzen dokumentieren Nähe und Distanz, Vertrauen auf Erreichtes und Zutrauen auf Neues. Grenzen bedeuten, sich von Gewohntem zu trennen und sich auf unbekannte Dimensionen einzulassen. So weit meine persönlichen Betrachtungen zum Begriff „Grenzen“. Über kaum ein Thema ist in der Erziehungsliteratur mehr geschrieben worden als über das Thema „Grenzen setzen“. Und trotzdem schwanken viele Eltern spätestens während der Pubertät Ihres Kindes, ob, wann und wie sie Grenzen setzen sollen. 

Grenzen werden von Teenagern unterschiedlich gedeutet

Pubertierende besetzen die Begriffe Grenzen und Regeln nur dann negativ, wenn sie mit Einengung, Bevormundung sowie Macht und Willkür einhergehen. Stehen diese Begriffe dagegen für Orientierung, Halt und Auseinandersetzung, werden sie von Heranwachsenden positiv bewertet. Jugendliche wollen wissen, woran sie sind, was sie können, wie sie sich sozial angemessen zu verhalten haben – und das erfahren sie, wenn sie sich an Grenzen reiben können.

Grenzen sind aus der Sicht von Heranwachsenden umso akzeptabler, je weniger sie unverrückbar sture Markierungen sind, sonder wenn sie in Abhängigkeit von Entwicklungsphasen verändert werden. Eng gesteckte Grenzen entmutigen, sie lassen keinen Raum für Eigenverantwortung. Zu weit gezogene Grenzen führen dagegen zu Orientierungslosigkeit.

Leider überwiegt die negative Besetzung von Grenzen in der Pubertät

Bei vielen Eltern werden die Begriffe Grenze und Regel mit Strafe, Ermahnung, Verbot und Versagung gleichgesetzt. Dahinter steckt häufig eine unzureichende Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. Da manche Eltern in ihrer Kindheit Grenzen als schwerwiegende Beschneidung der eigenen Persönlichkeit und bei Grenzverletzungen oft schmerzhafte Züchtigungen erlebt haben, verzichten viele nun darauf, klare Grenzen zu setzen.

Sie empfinden partnerschaftliche Erziehung und das Setzen von Grenzen als Widerspruch – eine Haltung mit paradoxen Folgen:Während Eltern auf Grenzen und Regeln verzichten, suchen Heranwachsende sehr intensiv nach festen Orientierungspunkten. Und je intensiver sich Pubertierende Halt wünschen, umso häufiger verstecken sich viele Erziehende hinter hehren Worten und langatmigen Erklärungen. Ein endloser Wortschwall endet dann, wenn man nicht auf Zustimmung trifft, in impulsiver Schreierei, beleidigtem Schweigen oder einem verbalen bzw. körperlichen Bestrafungsfeldzug. Die berühmt-berüchtigte lange Leine schlägt um in Rücksichtslosigkeit und Liebesentzug.

Reflektieren und akzeptieren Sie Ihre eigenen „jugendlichen“ Gefühle

Bedenken Sie: Wer mit Heranwachsenden zu tun hat – egal ob beruflich oder in der Familie –, der hat es ständig mit zwei Kindern zu tun: dem Kind vor mir und dem Kind in mir. Und wenn das Kind in mir unreflektiert weiterwirkt, ich die Schmerzen, die Trauer und die Ängste, die mir als Kind zugefügt wurden, an dem Kind vor mir wiedergutmachen will, gebe ich – bewusst oder unbewusst – meine Ängste und Unsicherheiten weiter.

Gefühle von Schmerz und Trauer, von Verzweiflung und Wut sind nicht über Stellvertreter, sondern nur in der eigenen Person zu bewältigen. Je mehr man die eigene Kindheit – und das sind ja niemals nur negative Gefühle, Niederlagen und Verzweiflungen, dazu gehören auch Freude, Glück und Sehnsucht – annehmen und in der ganzen Breite akzeptieren kann, umso eher kann ich sowohl das Kind vor mir als auch in mir und damit mich selbst als ganze Person annehmen.

Wer Grenzen setzt, macht sich bei Teenagern nicht unbedingt beliebt

Wer Grenzen setzt, riskiert Streit, Wut und Zorn. Und da in vielen Bereichen des pädagogischen Handelns die irrationale Annahme vorherrscht, von allen geliebt und anerkannt zu werden, zögern viele Eltern, Grenzen zu setzen.Hinzu kommt: Wer Grenzen setzt, muss über Konsequenzen bei Grenzverletzungen und bei Regelverstößen nachdenken. Das ist anstrengend und erfordert Mut. Denn es setzt voraus, sich aus - einander zusetzen – und das im ganz wörtlichen Sinn. Wer nur Nähe erträgt, sich eben nicht auseinandersetzt, ist unfähig, sich abzunabeln und abzugrenzen. Ich habe den Eindruck, als ob Symbiose und grenzenlose Harmonie mit Liebe und Einfühlungsvermögen verwechselt werden. Doch während Liebe und Empathie sowohl Nähe als auch Distanz und damit die Grenzen zwischen Ich und Du akzeptieren, macht die symbiotische und grenzenlose Liebe krank, sie erdrückt und macht abhängig.

Äußerungen von Eltern nun Meinungen von Teenagern gegenüberstellen

Elternmeinung zu Grenzen

„Ich bin da im Zwiespalt“, meint Verena S., Mutter von zwei pubertierenden Kindern. „Einerseits meine ich, es ist überflüssig, Grenzen zu setzen, andererseits glaube ich manchmal, die Kids fordern sie geradezu heraus. Die provozieren so lange, bis Klarheit hergestellt ist.“

„Ich denke“, wirft Otto A. ein, „mit dem Grenzensetzen ist es jetzt zu spät. Das muss vorher erfolgen. Später müssen sie wissen, woran sie sind. Also, ich halte mich da raus. Obgleich“, er stutzt, „wenn ich meinen Sohn so sehe, wie der nicht weiß, was er tun soll, dann glaub ich, will er schon meine Meinung hören. Aber ich halte mich dann zurück.“

„Ich finde das problematisch“, widerspricht Johannes F., Vater von zwei Söhnen. „Sie sind doch noch Kinder, die auch in dieser Zeit eine Begleitung haben müssen. Sonst wissen sie überhaupt nicht, woran sie sind.“

Grenzen in den Augen von Kindern

„Ich finde“, erzählt die 14-jährige Katharina, „meine Mutter, die mich allein erzieht, macht das ganz gut. Ich kann mitbestimmen in vielen Dingen, aber dann gibt es Bereiche, wo sie ihre Macke hat. Da setzt sie dann enge Regeln. Das nervt, aber insgesamt find ich's in Ordnung.“

Sonja nickt: „Find ich auch okay, wie meine Eltern das machen. Die geben sich Mühe. Manchmal schon zu viel. Aber insgesamt sind die prima. Ich glaube, ich würd meine Kinder auch so erziehen.“

„Also, ich find die Regeln, die meine Eltern aufstellen, scheiße. Die denken, ich bin noch ein kleines Kind“, empört sich der 15-jährige Kevin. „Ich muss machen und tun, was die wollen, die vermiesen mir meine Freunde, bestimmen, wann ich Schulaufgaben machen muss. Ich muss zum Saxophonunterricht, nur weil die das wollen. Selbst im Urlaub ist alles so, wie sie es sich vorstellen.“

„Bei mir“, sagt die 14-jährige Barbara, „ist es ähnlich, ich darf nicht länger außer Haus als in der zweiten Klasse. Überall sieht meine Mutter Vergewaltiger und Mörder. Und mein Vater hat's mit den Hausaufgaben. Meine Eltern sind Erpresser: Wenn ich nichts für die Schule mache, dann darf ich nichts anderes tun. Aber dann nerv ich die, und dann darf ich doch alles …“

„Also ich“, unterbricht Marc, „kann machen und tun, was ich will. Das ist manchmal toll und meistens nicht. Weil, es ist voll langweilig. Irgendwie sind meine Eltern nicht für mich da.“

 

Grenzen setzen bedeutet, Heranwachsende zu lassen und loszulassen

Und es bedeutet, ihnen Mut zu machen, eigene Wege zu finden. Das geht nicht ohne Schrammen und Schmerzen. Wer Heranwachsende vor der Realität schützen will, macht sie in der Regel lebensuntüchtig. Schwierigkeiten tauchen dann auf, wenn Heranwachsende zum Partnerersatz werden, wenn sie dazu herhalten müssen, ihren Eltern Lebenssinn zu stiften. Oder wenn sie in einem Familienklima der emotionalen Leere dazu missbraucht werden, den Mangel an Wärme und Atmosphäre auszugleichen.

Grenzen haben nichts mit Verboten und Bestrafung zu tun

Grenzen sollen nicht beherrschen, vielmehr leiten, führen, unterstützen und anregen. Bei Verboten und Strafen geht es demgegenüber darum, Willen zu brechen oder Macht zu demonstrieren demonstrieren. Abgesehen davon, dass sich Verbote und Strafen meist nicht durchhalten lassen, weil sie im Affekt oder Zorn ausgesprochen werden, wirken sie sich zudem belastend auf die Eltern-Kind-Beziehung aus. 

Denn Grenzensetzen und Achtung des Heranwachsenden gehören unbedingt zusammen. Wer den Heranwachsenden in seiner Würde respektiert und achtet, trägt dazu bei, ihn in seinem Selbstwertgefühl zu stärken. Doch bedenken Sie auch: Wer ständig Grenzüberschreitungen seines Kindes ignoriert, sich ihnen gegenüber gleichgültig verhält, trägt nicht nur zur Verstärkung einer zerstörerischen Haltung bei, sondern verhindert auch, dass sich Selbstwertgefühl und gegenseitiger Respekt ausbilden.

Beachten Sie bitte folgende Grundsätze:

  • Je älter Ihr Kind wird und die Risiken und Gefährdungen wachsen, umso bedeutsamer wird die elterliche Begleitung. Grenzen zeigen Jugendlichen an, dass sie für die Folgen ihres Handelns die Verantwortung zu übernehmen und bei Überschreitungen Konsequenzen auszuhalten haben.
  • Je vertrauensvoller das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Kind ist, umso überzeugender funktioniert das Setzen von Grenzen. Deshalb sollte Ihr Kind Grenzen weder als Kontrollmaßnahme empfinden noch bei Regelüberschreitungen entwürdigende Strafmaßnahmen befürchten.
  • Es geht nicht um eine Vielzahl von Grenzen und Regeln. Im Mittelpunkt muss vielmehr die Überlegung stehen, ob deren Inhalt Sinn macht. Wenn jede Kleinigkeit im Zusammenleben durch Absprachen und Vereinbarungen geregelt wird, wirkt sich das lähmend aus. Es wird von allen Beteiligten als lästig und tyrannisierend empfunden. Konstruktiver ist es, Grenzen mit liebevoller Klarheit zu vermitteln und deutlich zu machen, dass sich diese Regeln inhaltlich verändern können. Versuchen Sie, die Regeln so einfach wie möglich zu formulieren. Geben Sie mehr Freiräume dort, wo es sich um ungefährliche Alltagssituationen handelt (beispielsweise Mode, Haarschnitt, Hobbys, Freunde), und setzen Sie engere Grenzen dort, wo Gefährdungen möglich oder wahrscheinlich sind (z. B. nächtliche Ausgehzeiten, Urlaubsreisen mit Freunden).
  • Gehen Sie vom guten Willen Ihres Kindes aus, Grenzen einzuhalten und zu respektieren. Nur so erliegen Sie nicht der Gefahr eines „sich selbst erfüllenden Prophezeiers“. Wenn Ihr Kind jedoch die gesetzten Grenzen ständig missachtet, ohne dass sich daraus Konsequenzen ergeben, sind sie vollkommen wertlos. Eine Folge wird sein, dass Sie nicht mehr ernst genommen werden.
  • Wer Regeln formuliert, muss davon ausgehen, dass Heranwachsende diese Grenzen austesten.  Wissen Sie, welche Konsequenzen Sie in diesem Fall ziehen wollen? Sind sie für Ihr Kind verständlich, nachvollziehbar und vorher bekannt? 

 

 

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