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Mutter und Tochter schauen sich an
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Freiraum geben und trotzdem präsent bleiben

Die hohe Kunst des Loslassens

Viele Eltern hadern mit der Vorstellung, ihr Kind irgendwann „loslassen“ zu müssen. Sie verbinden damit oft das Gefühl von Abschied und Verlust. Dabei geht es beim Loslassen weniger darum, den Kontakt einzuschränken oder aufzugeben, sondern vielmehr darum, ihn so zu verändern, dass sukzessive eine Beziehung auf Augenhöhe entstehen kann. Lesen Sie hier, wie Sie den notwendigen Prozess des Loslassens bewusst gestalten können und wie Sie Ihr Kind auf dem Weg ins Erwachsenenalter am besten begleiten. 

Expertenrat von 
Dr. Jan-Uwe Rogge, Familienberater und Bestsellerautor

Ihr Kind loszulassen haben Sie als Eltern im Grunde genommen schon lange geübt. Ob es das Kleinkind war, das sich im Sandkasten immer weiter weg traute, oder das Schulkind, das zum ersten Mal auf Klassenfahrt ging: Immer wieder mussten Eltern und Kinder lernen, vorübergehend Abschied voneinander zu nehmen und Trennungen zu verkraften. In der Pubertät nimmt dieser Prozess noch mehr Raum ein, denn auf der Zielgeraden zum Erwachsenwerden muss der Jugendliche sich noch viel mehr abnabeln als vorher. Dennoch benötigt er bis weilen den sicheren Hafen, an dem er bei Bedarf wieder „andocken“ kann. Die Aufgabe, die Eltern in dieser Phase leisten müssen, ist, dem Kind einerseits immer mehr Eigenverantwortung zu überlassen, aber ihm gleichzeitig auch ausreichend Halt und Geborgenheit zu geben, damit es sich emotional sicher verankert fühlt. Loslassen hat also nichts mit Gleichgültigkeit, emotionaler Abwendung oder innerem Rückzug zu tun. Im Gegenteil: Beim Loslassen geht es darum, dem Kind immer mehr Freiraum zu lassen sowie gleichzeitig angemessen ansprechbar und präsent zu bleiben.

Frühe positive Bindungserfahrungen prägen und tragen ein Leben lang Kleine Kinder lernen phasenweise ohne ihre Eltern auszukommen, indem sie ein sogenanntes „positives Introjekt“, also ein „gutes inneres Bild“ ihrer Bezugspersonen, entwickeln. Dieses innere Bild von Mutter und Vater gibt ihnen die stärkende Gewissheit, dass sie zwar vielleicht nicht vor Ort, aber trotzdem da sind, und zwar im besten Falle als liebevolle Beschützer und Begleiter. Wenn das Kind in seinen frühen Jahren positive und stabile Bindungserfahrungen gemacht hat, fällt es ihm in der Regel nicht schwer, sich von den Eltern oder anderen Bezugspersonen zu entfernen und sich ihnen wieder anzunähern, also eine gute Mischung aus Bindung und Autonomie zu entwickeln. Eine gute Bindungserfahrung in der frühen Kindheit gilt als beste Basis, um eine gesunde Persönlichkeit entwickeln und selbstständig werden zu können. Wenn Sie also bis jetzt eine liebe- und vertrauensvolle Bindung zu Ihrem Kind hatten, hat es die allerbesten Voraussetzungen, um sich zu einem tatkräftigen und selbstbewussten Erwachsenen zu entwickeln!

Entwicklungsziele in der Pubertät: Was Ihr Kind jetzt lernen muss und wie Sie ihm dabei helfen können

1. Ihr Sprössling muss sich jetzt emanzipieren, also aus der Rolle des abhängigen und schutzbedürftigen Kindes herauswachsen. Das schafft es nur, wenn Sie Ihrerseits willens und in der Lage sind, ihm das zu gestatten und diesen Prozess zu befördern. Alles, was das Kind weiterhin unselbstständig hält, ist kontraproduktiv.

2. Ihr Kind muss lernen, sich in seiner Einzigartigkeit anzuerkennen und anzunehmen. Das fällt ihm leichter, wenn es von den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen rundum angenommen wird und sich geliebt weiß. Sich geliebt zu fühlen, ist wunderbarer Humus, auf dem sich die Persönlichkeit des Jugendlichen gut entwickeln kann. Übrigens: Jemanden voll und ganz anzunehmen, heißt natürlich nicht, all seine Verhaltensweisen gutzuheißen und zu dulden. Einen Jugendlichen zu lieben, heißt nicht, sich alles gefallen zu lassen!

3. Der Jugendliche muss lernen, seine Potenziale und Fähigkeiten zu entfalten, seine besonderen Begabungen und Interessen herauszufinden. Dabei helfen Sie ihm, indem Sie ihn spiegeln („Ich habe das Gefühl, dass du handwerklich wirklich was drauf hast“). Geben Sie ihm aber auch ein bisschen Zeit, das alles in Ruhe zu entwickeln. Erzwingen lässt sich hier nichts. Manche Kinder brauchen ein bisschen länger, um zu erkennen, wo ihre Interessen liegen.

4. Der Jugendliche muss lernen, mit seinen „Schwächen“ umzugehen, seinen sich verändernden Körper kennen und lieben zu lernen etc. Auch hier gilt: Jemand, der sich insgesamt sicher angenommen fühlt, tut sich damit leichter. Der Prozess der Selbstannahme dauert aber seine Zeit: So kann es sein, dass Ihr Kind vorübergehend mit seinem Aussehen hadert oder sich über andere vermeintliche „Mängel“ grämt. Diese Selbstzweifel legen sich normalerweise mit der Zeit.

5. Ihr Kind muss lernen, den eigenen Handlungsradius zu erweitern: Sowohl mental als auch räumlich orientiert es sich nun nicht mehr so dicht an den Eltern. Das bedeutet, dass der Jugendliche immer mehr Erfahrungen macht, die mit den Eltern nichts zu tun haben, etwa in der peer group, mit dem ersten Freund/der ersten Freundin etc. Eltern helfen ihren Kindern dabei am besten, indem Sie diesen wachsenden Einfluss anderer Menschen auf Ihr Kind nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung sehen und sich angemessen zurückhalten.

 

 

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