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Studentin im Hörsaal
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Unterhaltsleistungen für Kinder in der Berufsausbildung

Unterhalt in der Ausbildung oder im Studium

Unerheblich, ob die Eltern sich in Scheidung oder Trennung befinden - der Kindesunterhalt muss gesichert sein. Auch während einer Ausbildung haben die gemeinsamen Kinder Anspruch auf Unterhaltsleistungen. Zumeist gilt dies jedoch nur für eine Ausbildung. Die finanzielle Unterstützung kann gegebenenfalls auch eingeklagt werden. Doch dabei gibt es auch Grenzen. Eine finanzielle Belastung der Eltern muss nicht über Gebühr toleriert werden.  

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Die Höhe des Unterhaltsanspruches ergibt sich daraus, ob das Kind, das eine Ausbildung beginnt, noch minderjährig ist, bei seinen Eltern wohnt bzw. bereits einen eigenen Haushalt führt oder studiert. Für minderjährige Kinder wird zur Berechnung der genauen Anspruchshöhe die Düsseldorfer Tabelle zu Rate gezogen. Für Studenten liegt der Regelsatz bei 670 Euro (Stand: 2015). Der Anteil der Kindeseltern richtet sich nach dem Einkommen der jeweiligen Partei.

Wie lange darf mein Kind von mir Unterhalt verlangen?

Solange das gemeinsame Kind noch die Schule besucht, ist die Zahlung von Kindesunterhalt verpflichtend. Doch auch, wenn das Kind die Schule erfolgreich abgeschlossen hat, dürfen die Eltern nicht einfach die Leistungen streichen. Der Anspruch auf Unterhaltsleistungen erstreckt sich in der Regel zumindest auch auf die erste Ausbildung - Studium oder Berufsausbildung. Der Übergang zwischen schulischer und universitärer bzw. beruflicher Ausbildung muss dabei jedoch nicht zwingend fließend sein. Dies ergibt sich in der Regel schon allein daraus, dass die Bewerbungszeiträume nicht immer mit dem Erhalt des Abschlusszeugnisses zusammenfallen. Ihrem Kind wird in jedem Falle eine Orientierungsphase zugestanden.

Wie lang darf die Orientierungsphase sein?

Wie in vielen Rechtsgebieten so finden sich auch in Bezug auf die Zeitspanne, die zwischen Abschluss und Ausbildung liegen darf, keine genauen Definitionen oder expliziten Zeitangaben. Oftmals ist ein Ermessensspielraum angesetzt. Der Bundesgerichtshof entschied unter anderem, dass ein Kind auch dann noch einen Anspruch auf Unterhalt während der Ausbildung hat, wenn zwischen Ausbildungsbeginn und Schulende bis zu drei Jahre liegen (BGH-Beschluss vom 03.07.2013, Aktenzeichen XII ZB 220/12). Der Entscheidung zugrunde gelegt war der Sachverhalt, dass der Anspruchsteller sich nach seinem mäßigen Schulabschluss - Abschlussnote 3,6 - über Praktika und kleinere Jobs weiterqualifizierte und sich in der Zeit auch selbst finanziell absicherte, bis endlich eine Ausbildungsstelle gefunden war. Praktika sind wichtig für die Berufwahl und dürfen dem Kind somit auch nicht vorenthalten werden.

Generell können in die Orientierungsphase auch berufsvorbereitende Lehrgänge oder Berufsgrundschuljahre (Beschluss des OLG Düsseldorf vom 06.12.2000, Aktenzeichen 8 WF 218/00) und berufsvorbereitende Praktika (Beschluss des OLG Rostock vom 18.04.2006, Aktenzeichen 10 WF 234/05) hineinfallen. Der Unterhaltsanspruch des Kindes ist hierdurch nicht verwirkt, da die Chancen auf einen Ausbildungsplatz über derlei Maßnahmen gefördert werden.

Unterhaltsanspruch für das Kind im Studium

Kann ein abgebrochenes Studium auch als Orientierungsphase gelten? Viele Heranwachsende sind sich oft unsicher, ob sie eher studieren oder eine Berufsausbildung anstreben sollten. Ist keine Ausbildungsstelle in Sicht, kann das Studium oft auch als Ausweg fungieren. Für manche können jedoch innerhalb der ersten Studiensemester Zweifel aufkommen, ob dieser Weg tatsächlich der richtige ist. Der Abbruch der universitären Ausbildung kann dann schnell die Folge sein. Findet der ehemalige Student relativ zügig eine berufliche Ausbildungsstätte, kann das Studium auch in diesem Falle nicht als Erstausbildung gelten, sondern fällt in der Regel noch in den Orientierungszeitraum hinein - der Unterhaltsanspruch bleibt bestehen (Beschluss des OLG Naumburg vom 12.01.2010, Aktenzeichen 8 WF 274/09).

Ebenfalls erlischt der Anspruch auf Kindesunterhalt nicht, wenn Ihr Kind ein Freiwilliges Soziales Jahr vor dem Studium oder der Berufsausbildung absolviert (Beschluss des OLG Celle vom 06.10.2011, Aktenzeichen 10 WF 300/11). Ein besonders strittiger Fall wurde vor dem Bundesgerichtshof verhandelt: Nachdem die unterhaltsberechtigte Tochter ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert hatte, wurde sie schwanger. Hiernach versorgte sie drei Jahre lang ihr Kind und ging anschließend an die Universität, um ein Studium zu absolvieren. Der BGH entschied in einem Urteil vom 29.06.2011 (Aktenzeichen XII 127/09), dass auch in diesem speziellen Falle ein Anrecht auf Kindesunterhalt für die junge Mutter bestehen bleibt.

Wie lange darf ein Student auf Unterhaltszahlungen bestehen?

Auch wenn die Unterhaltsverpflichtung der Eltern generell während der Studienzeit gilt, sind Einschränkungen bei der Studiendauer einzukalkulieren. Die Kindeseltern können nicht dazu gezwungen werden, die nächsten sieben Jahre Unterhalt zu zahlen, wenn sich der Studienabschluss ihres Kindes immer weiter verzögert. Ausschlaggebend für den Anspruch ist die Regelstudiendauer, wie sie sich in den Prüfungs- und Studienordnungen der entsprechenden universitären Institution findet. In der Regel liegt die Studienzeit damit bei bis zu elf Semestern. Eine Zahlung über diese Zeit hinaus kann in strittigen Einzelfällen auch noch bis zum 15. Semester verlangt werden, sofern ein einjähriger Auslandsaufenthalt das Studium unterbrochen bzw. begleitet hat (Beschluss des OLG Köln vom 08.05.1998, Aktenzeichen 4 UF 7/98).

Mit der Umstellung der Studiengänge im Zuge der Bolognareform sind viele Diplom- und Magisterstudiengänge nunmehr in zwei Einzelstudien aufgeteilt worden: den Bachelor- und den Masterstudiengang. Das Bachelorstudium gilt als Grundstudium, der Masterstudiengang als Aufbau- und Hauptstudium zur weiteren Spezialisierung. Obwohl der Unterhaltsanspruch sich in der Regel nur auf das Erststudium bezieht, können Studenten, die - an den Bachelor anschließend - den Master machen möchten, auch für den Aufbaustudiengang Unterhaltsleistungen von den Eltern verlangen. Der Master kann noch in die erste Ausbildung hineingerechnet sein (Beschluss des OLG Celle vom 02.02.2010, Aktenzeichen 15 WF 17/10).

Wann ist der Unterhaltanspruch verwirkt

Wie aus dem Hervorgegangenen ersichtlich ist, kommen die meisten Entscheidungen aufgrund von Einzelfallbewertungen zustande. Die Volljährigkeit Ihres Kindes allein entbindet Sie nicht von der Sorgepflicht. Eine eindeutige Klärung ist so oft nur im gerichtlichen Verfahren möglich, sollte es im Rahmen der Unterhaltsregelungen zu Streitigkeiten kommen. Doch gibt es auch Aspekte, durch die der Unterhaltsanspruch eindeutig verwirkt sein kann. Kernbegriff ist in diesem Falle die Frage nach der Zielstrebigkeit des Ausbildungsweges.

Wie auch bei Langzeitstudenten müssen die unterhaltspflichtigen Elternteile nicht einfach alles hinnehmen. Doch wie kann die Zielstrebigkeit der Ausbildung gemessen werden? Viele Entscheidungen, nach denen die Unterhaltspflicht entfiel, kamen dadurch zustande, dass das Kind nach der Schule oftmals erst zahlreiche Jobs, Zivildienst und einige Semester Studium absolvierte, bevor endgültig ein Ausbildungsplatz gefunden war. Durch die Länge und Wankelmütigkeit kann dieser Zeitraum nicht mehr als Orientierungsphase gelten. Die berufliche Ausrichtung hätte schneller erkennbar sein müssen, um einen Anspruch auf Leistungen zu bewahren.

Wie sieht es mit dem Unterhaltsanspruch für ein Studium nach der Ausbildung aus?

Ihr Kind hat die Berufsausbildung abgeschlossen und will noch einmal studieren? Darf es dann auch weiterhin Unterhalt von Ihnen verlangen? Ja, sofern das Studium zeit- und fachnah ist. Die Sachbezogenheit kann bei folgenden Konstellationen angenommen werden:

  • Bankkaufmannslehre mit anschließendem Jura- oder BWL-Studium
  • Ausbildung zum Tischler mit anschließendem Studium im Bereich Produktdesign
  • Mechanikerausbildung mit anschließendem Ingenieursstudium
  • ausgebildeter Heilpraktiker mit anschließendem Medizinstudium
  • Ausbildung zum Bauzeichner mit anschließendem Architekturstudium

In diesen Fällen kann der Unterhaltsanspruch bestehen bleiben, wenn nach erfolgreichem Abschluss der Berufsausbildung ein schneller Übergang in das Studium erfolgt. Liegen jedoch bereits mehrere Berufspraxisjahre zwischen Abschluss und Studium, ist in der Regel keine finanzielle Unterstützung mehr von den Eltern zu verlangen (BGH-Urteil vom 23.05.2001, Aktenzeichen XII ZR 148/99).

Bei den folgenden Beispielen hingegen fehlt der Sachbezug, sodass der Unterhaltsanspruch nicht ohne Weiteres auf die Dauer des anschließenden Studiums ausgeweitet werden kann - unerheblich, ob der Studieneintritt zeitnah erfolgt:

  • Sekretär/in mit Studienwunsch im Bereich Informatik
  • ausgebildeter Industriekaufmann mit Studienwunsch in den Bereichen Medizin, Ingenieurswesen oder Jura
  • Speditionskaufmann mit Studienwunsch im Bereich Jura

In den meisten Fällen der letztgenannten Konstellationen muss das Studium durch den Anwärter selbst finanziert werden, wenn die Eltern nicht freiwillig Unterhaltszahlungen leisten wollen.

Sind Sie sich nicht sicher, inwieweit der Unterhaltsanspruch Ihres Kindes zulässig ist, suchen Sie den Rat eines Anwalts für Familienrecht. Er kann bei der Klärung der Streitigkeiten behilflich sein. Im Idealfall und um beiderseitige Zufriedenheit zu gewährleisten sollten Sie jedoch die einvernehmliche Klärung mit Ihrem Kind anstreben. Gerichtliche Verfahren kosten nicht nur Zeit und Geld - auch das familiäre Verhältnis wird hierdurch unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen.

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Kommentare zu "Unterhaltsleistungen für Kinder in der Berufsausbildung"
  • Hans schreibt am 12.01.2016

    Super Text. Werd gleich mal mit meinen Eltern über meinen Unterhalt reden. Kann ich zu wenig gezahlten Unterhalt auch nach fordern?

    Grüße Hans
  • Jana Katjenka schreibt am 04.01.2016

    Ich finde es gut, dass ich als Student Anspruch auf Unterhalt hab, ansonsten müsste ich nur noch arbeiten gehen, um mir das Studium finanzieren zu können und das würde die ganze sache schon schwieriger gestalten...schließlich ist man ja noch nicht wirtschaftlich selbstständig und noch in der Ausbildungsphase dazu. Hier sollten die Eltern in jedem Fall noch unterstützung leisten, wenn sie es finanziell können
  • Monika schreibt am 23.12.2015

    Danke für den guten Text. Die Situation mit meinem Kind ist leider etwas schwierig, insbesondere bzgl. des Geldes. Aber jetzt kann ich wenigstens mit entsprechenden Wissen in die Diskusionen gehen.
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