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Die Pubertät wird begleitet von Schamgefühlen
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Warum Sie das Schamgefühl Ihres Kindes respektieren müssen!

Schamgefühle während der Pubertät

Schamgefühle entwickelt Ihr Kind bereits vom Babyalter an. Dennoch: In der Pubertät zeigt sich der Umgang mit der eigenen Scham oft sehr deutlich. Lesen Sie hier, warum die Entwicklung eines „gesunden“ Schamgefühls für Ihr Kind wichtig ist! 

Expertenrat von 
Dr. Jan-Uwe Rogge, Familienberater und Bestsellerautor

Schamgefühl: Sexualerziehung bedeutet auch Erziehung zur Scham

Schamerziehung stellt einen zentralen Aspekt in der Sexualerziehung dar. In den 1960er und 1970er Jahren gab es intensive Auseinandersetzungen über die Scham: Während die einen das Schamgefühl als angeboren betrachteten, meinten andere, das Schamgefühl sei einzig und allein anerzogen. Man betrachtete das anerzogene Schamgefühl als negativ, weil es soziale Beziehungen bremsen, den Menschen ungesellig machen und angepasst formen würde. Diese Meinung gilt mittlerweile als überholt. Schamgefühle gelten heute als angeboren und bilden sich – wenn auch soziokulturell und familiär geprägt – im Lauf der Entwicklung heraus. Ein zweijähriger Junge zeigt noch ungeniert seinen Penis, präsentiert stolz den Topf, in dem es sein großes Geschäft gemacht hat. Ein Sechsjähriger handelt anders, lässt eben seine Hose an und die Toilettentür zu. Grundsätzlich gilt es, in der Schamerziehung die angemessene Mischung zu finden. Kinder und Jugendliche, die keine Schamgrenzen kennen, die sich bloßstellen, respektieren weder sich noch andere in ihrem Anspruch auf körperliche Integrität. Kinder, die allerdings in sehr engen Schamgrenzen erzogen werden, die sich bei noch so verständlichen Grenzüberschreitungen ständig «etwas schämen» müssen, wirken häufig zu angepasst. Es kommt in der Schamerziehung also auf die «richtige» Mischung an: Ein Zuviel an Schamgefühl behindert, engt ein – zu wenig Schamgefühl stellt bloß und birgt das Risiko in sich, gedemütigt zu werden.

Ist das Schamgefühl genetisch angelegt?

Jeder Mensch hat eine genetische Disposition, Scham zu empfinden. Einige Menschen senken die Augen, andere brechen den Blickkontakt ab, manche schlagen reflexartig die Hände vors Gesicht, andere erröten oder erblassen. Die genetische Disposition stellt sich von Kind zu Kind, von Jugendlichem zu Jugendlichem anders dar. Sie ist abhängig vom Temperament eines Heranwachsenden: Introvertierte Charaktere unterscheiden sich im Schamgefühl von extrovertierten Temperamenten. Die genetische Disposition wird allerdings durch die unterschiedlichsten familiären Erziehungsstile beeinflusst. Denn jede Familie entwickelt ihre ganz spezifischen Muster, mit Scham und Schamgefühl umzugehen.

Über ein Schamgefühl signalisiert Ihr Kind in der Pubertät Grenzen

Unabhängig davon bildet sich das Schamgefühl Ihres Kindes entlang seiner individuellen Biografie heraus. Mit jedem Reifeschritt, den Ihr Kind vollzieht, verändern sich auch seine Gefühle von Scham. Denn Reife ist verbunden mit einer Veränderung des Körpers. Gerade in den Übergangsphasen der Entwicklung, zum Beispiel beim Schulanfang (zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr) oder in der Vorpubertät (zwischen dem elften und 14. Lebensjahr), kommt es oft zu gravierenden Veränderungen im Schamgefühl. Ihr Kind nimmt sich und seinen Körper nun anders und auch nicht immer als schön wahr. Die Schamerziehung Ihres Kindes hat daher nicht nur etwas mit seiner Sexualität zu tun. Schamerziehung ist so immer auch, neben der körperlichen Erziehung, eine soziale Erziehung. Über Scham definiert Ihr Kind nämlich Grenzen: Es lässt etwas zu, zeigt aber zugleich: bis hierher und nicht weiter. Dieser Prozess der Wahrnehmung von Grenzen über das eigene Schamempfinden beginnt jedoch nicht erst mit der Pubertät.

Die Entwicklung des Schamgefühls

Schon als Baby hat Ihr Kind – nonverbal – Grenzen gesetzt. Wenn man ihm zu nahe kam, es der Zärtlichkeiten überdrüssig war, hat sich vermutlich sein Gesichtsausdruck verändert. Es verzog die Augen oder den Mund, wirkte ernst, verschlossen, begann zu quengeln. Auch das „Fremdeln“ ist ein Ausdruck von Scham. Nur vertraute Personen dürfen sich nähern.

Wichtig ist:Das Kind bestimmt das Tempo der Annäherung – nicht der Erwachsene. Während des zweiten und dritten Lebensjahres wird sich Ihr Kind seines eigenen Schamgefühls allmählich bewusst.

Das Schamgefühl geht einher mit der Ausbildung einer eigenen Identität, die sich vor allem über die Körperlichkeit vermittelt. Ihr Kind wird sich seiner psychischen, aber auch physischen Stärke bewusst. Es grenzt sich ab und setzt Grenzen. Hörbarer Ausdruck dieser Entwicklung sind die Wörter «Ich» und «Nein». Vom vierten bis achten Lebensjahr verändert sich das Verhalten Ihres Kindes deutlich: Ihr Kind zeigt sich nicht mehr gerne nackt. Es zieht sich allein auf die Toilette zurück, „Doktorspiele“ finden hinter verschlossenen Türen statt. Das Schulkind geht weiter auf Distanz: „Mein Körper gehört mir!“ Zugleich will Ihr Kind aber Nähe und Ihre elterliche Liebe. Für Sie ist diese Choreografie des Schamgefühls – „Haltet mich, aber lasst mich los!“ – sicher nicht immer leicht einzuschätzen und auszuhalten. Viele Eltern reagieren mit Unverständnis oder Unsicherheit: Die einen lassen zu schnell los, wollen das Kind nicht bedrängen, andere reagieren mit starker Zurechtweisung, wenn ihr Kind Grenzen überschreitet und nicht so handelt, wie sie es gerne möchten. Dann fallen Sätze wie: «Schämst du dich denn nicht?», oder: «Du machst Omi ganz traurig, wenn du ihr keinen Kuss gibst!»

Die Pubertät ist neben der Babyphase die wichtigste Übergangszeit. Die Pubertät bedeutet für Ihr Kind den Abschied von der Kindheit. Sie ist eine Art zweite Geburt vor den Augen und Ohren der Erwachsenen. Es ist – für alle Beteiligten – ein schmerzhafter Prozess. Vielleicht schämt sich Ihr Kind wegen der sich verändernden Körperproportionen, ist unleidlich, traurig, verzweifelt – vor allem dann, wenn Sie oder andere Erwachsene sich lustig machen, vielleicht darüber spotten, dass Ihr Kind die Badezimmertür abschließt und sich nicht anschauen lassen mag. Pubertierende fühlen sich ständig beobachtet und angestarrt. Bei manchen Pubertierenden wird der Körper gar zum Schlachtfeld. Man magert ab, stopft schnell und vieles in sich hinein und übergibt sich dann. Andere werden fettleibig, wieder andere ritzen sich Wunden in Arme und Beine, sodass das Leiden – mal offen, mal heimlich – zutage tritt.

Schamgefühl respektieren: 4 wichtige Hinweise zur Schamerziehung!

Diese Punkte sollten Sie bei der Schamerziehung Ihres Kindes beachten:

  1. Wenn sich Ihr heranwachsendes Kind schämt, sind Verständnis und Respekt die einzig möglichen Reaktionen darauf. Nehmen Sie Ihr Kind so an, wie es ist, zeigen Sie Dialogbereitschaft, aber machen Sie sich nicht in irgendeiner Weise über seine Schamgefühle lustig. Respektieren Sie die Intimsphäre Ihres Kindes und die räumlichen Grenzen, die es Ihnen und anderen setzt.
  2. Umgekehrt muss Ihr Kind aber auch lernen, die Intimsphäre und Grenzen anderer zu respektieren. Ein Jugendlicher kann seine Bedürfnisse verschieben – zum Beispiel nach sofortiger Selbstbefriedigung, indem er in einen anderen Raum geht oder dieses Bedürfnis auf einen späteren Zeitpunkt verlagert. Wenn Sie diesbezüglich Grenze setzen, hat das nichts mit Verboten oder einer altmodischen Haltung zu tun, sondern mit einer Werteerziehung, die Respekt für alle Beteiligten einfordert.

  1. Beschämen Sie Ihr Kind weder durch ständige Vergleiche mit anderen Heranwachsenden, noch kränken Sie es durch Liebesentzug. „Schämst du dich denn nicht, wie du dich verhältst? Die anderen können sich doch auch benehmen!“ oder „Es ist zum Davonlaufen mit dir!“ – mit solchen oder ähnlichen Äußerungen dressieren Sie Ihr Kind, halten es klein und zeigen keinen Respekt vor seiner Persönlichkeit.
  2. Als Eltern haben Sie bei der Schamerziehung Vorbildcharakter – nicht nur in dem, was sie sagen, sondern vielmehr in dem, was sie tun. Zeigen sie zu viel Scham, hat das Auswirkungen auf das Körpergefühl und die Sexualität des Heranwachsenden, zeigen sie zu wenig Scham, entwickelt sich keine Intimsphäre, die die körperliche und psychische Unversehrtheit aller Familienmitglieder gewährleistet. So gilt es für Sie als Eltern, ständig die „richtige“ Mischung aus Nähe und Distanz zu finden!

 

 

 

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